Fortsetzung vom 28. April:
Das von Spionage umwobene "Dienstreihenhaus" in München-Bogenhausen |
Markus Wolf 2006 in einem denkwürdigen Interview mit dem WDR |
Ob zu fünft im Käfer durch den eigentlich damals noch gesperrten Balkan, Ob zu viert in die Türkei und nach Persien: Der kleine, blonde Spion schnappte immer auf, was er nicht hören sollte |
So speiste die gesamte Familie in Sofia, der Hauptstadt des streng stalinistischen Bulgarien (durch das wir nur in von Militärs bewachten Konvois fahren durften) beim Amerikanischen Konsul. In Istanbul erwartete uns bei der ersten Reise ein "alter Bekannter" im Hotel. Beim zweiten Aufenthalt waren wir zu Gast in der Familie eines Hochrangigen Türkischen Verbindungs-Offiziers zur NATO. Auf der Rückreise wurde mein Vater in Ankara auf der Botschaft getadelt, weil wir ein paar Tage hinter dem von ihm eingereichten Zeitplan her hinkten.
Erst als es nach meiner Konfirmation im Frühling nach Prag ging, machte ich mir erstmals einen Reim auf die Zufälligkeit solcher Begegnungen. Ich war auf der Kleinseite an der Moldau unter blühenden Bäumen zum Fotografieren mit meiner neuen Kamera unterwegs. Da war ich noch ein Fan selbst entwickelter Schwarzweiß-Fotografie und schraubte daher ständig für weitere Aufnahmen an der Belichtung herum. Ein älterer Herr äußerst gepflegter Erscheinung sprach mich von hinten in einem Deutsch an, das Robert Musil vermutlich als kakanisch beschrieben hätte. - Jahrzehnte später hätte ich die einkreisenden Fragen, die er mir stellte, sofort einordnen können. Er erzählte über sich, um dann blitzschnell offenbar aus einem speziellen Wissen heraus, Fragen zu Details unserer Reise zu stellen, die ich aber zuvor gewiss nicht preisgegeben hatte. War er nun Freund oder Feind gewesen? Ich traute mich nicht, meinen Eltern von dieser Begegnung zu erzählen. aus Angst ich könnte etwas unbewusst verraten haben. Oder hatte er mir in Kenntnis von der Stellung meines Vaters Hinweise auf den sich anbahnenden politischen "Prager Frühling" gegeben. Es war jedenfalls der Beginn meiner latenten Paranoia, denn kaum zuhause angekommen, bombardierten mich auch die Eltern meiner Spielgefährten mit Fragen über Prag und das, was ich sonst noch im Land gesehen hätte.
Lektion 4: Die Häuser-Reihe uns gegenüber jenseits der großen Spielwiese wurde direkt neben den beiden Häusern des Konsuls von einem US-Spitzenagenten bewohnt, der durch eine Serie einer deutschen Illustrierten öffentliche Berühmtheit erlangte. Der in Deutschland geborene und als Jude noch rechtzeitig 1938 emigrierte Nachrichten-Offizier war mit der "Operation Greenup" beauftragt worden. Mit seinen Kameraden, die allesamt per Fallschirm in den winterlichen Ötztaler Alpen abgesetzt worden waren, sollte er Bahnlinien zerstören, den Bau von Hitlers "Alpenfestung" behindern und gegebenen Falles dort festgehaltene prominente Geiseln befreien. Tatsächlich gelang es ihm noch, nachdem er bereits gefangen genommen, gefoltert worden war und beinahe schon auf den Erschießungstod gefasst war, dass ihm Innsbruck von den beängstigten Nazi-Statthaltern als "frei Stadt" übergeben wurde. Die Behauptung er, habe Deutschland nach dem Krieg nie wieder besucht, stimmt also - aus welchen Gründen auch immer, - nicht. Seine beiden kleinen Töchter aus einer Ehe mit einer Filipina versuchten uns einmal hinter unserem Haus gepflückte Blumen an unserer Vordertür zu verkaufen. Früh krümmt sich, was ein Häkchen werden will.
Die Häuser neben seinem wurden von den Männern der Konsulatswache bewohnt. Alles hoch dekorierte "Ledernacken", die gerne ihren Frust an mir als hoch aufgeschossenen blonden "Nazi-Boy" mit Jiu Jitsu-Würfen abarbeiteten. Allerdings war ich dann mit 14 doch schon so groß, und schwer, dass ich ihre Ansätze mit abgeguckten Gegengriffen kontern konnte. Woraus sich eine Art freundschaftliche Beziehung ergab. Auch weil ich schnell zu einem Meister an ihrem Grill wurde und bei den Gelagen manches erfuhr, was möglicherweise der Geheimhaltung oblag. Meine Fertigkeiten am Grill waren aber auch bald nicht mehr geheim, und so wurde ich auch mit stattlich Trinkgeld in Dollar belohnt der Party-Griller des jüdischen US- General-Staatsanwaltes für Europa. Dessen beide Töchter, die mir alljährlich Valentins-Karten schickten, hatten ein Auge auf mich geworfen. Ihnen wurde aber in dem Moment der Umgang mit mir verboten, als meine erste große Liebe in der "Housing Area" bekannt wurde. Die war eine winzige "Afro-Eurasierin". Ihr schwarzer Vater war Funktechniker, ihre chinesisch stämmige Mutter Dechiffriererin. Entsprechend misstrauisch waren sie mir gegenüber.
Lektion 5: Und dann waren wir plötzlich alle "erwachsen", und die geheimen Verbindungen ließen mich trotzdem nicht los. Als ich ein Interview mit Valdemar Cierpinski, dem Marathon-Olympiasieger von Montreal und Moskau für meine Serie "Die Kehrseite der Medaillen" machen wollte, wurde mir das Journalisten-Visum für die DDR verweigert, weil ich mich angeblich bei den Olympischen Winterspielen von Innsbruck 1976 mehrfach zu abfällig über ihre Athleten geäußert hätte.Das von der DDR-Führung verhindert Interview: Doppel-Olympiasieger Waldemar Cierpinski Quellen: Laufen 57 und Stadtsportbund Halle Saale |
Mein erstes US-Journalisten-Visum bekam ich übrigens auch nur durch die Fürsprache unseres früheren Konsul-Nachbarn. Und dann hatte ich bei meinen Ostasienreisen mehrfach das Gefühl, ich sei ins Spektrum der CIA geraten. Merkwürdige Typen stellten mir an merkwürdigen Orten merkwürdig strukturierte Fragen. Aber da war ich wohl nicht mehr die "Person of Intrest". Es lag wohl daran, dass ich bei einer Reise über Indonesien, und die Philippinen bis nach Hongkong meinen Lieblingsschwager dabei hatte. Der wiederum hatte später bei einer Familienfeier scheinbar harmlos preis gegeben, er arbeite für die "Bundesvermögensverwaltung". Da fiel es meinem Vater und mir wie Schuppen von den Augen: Mein Vater war ja der Leiter der Bundesvermögensstelle gewesen. Über seinem Büro in der Kaufinger Straße hatte die Bundesvermögensverwaltung auch eines, Nur wussten wir, die "Vermögensverwaltung" war einer der Tarnnamen für die ansonsten in Pullach angesiedelten Dienste...
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