Mittwoch, 1. April 2026

April! April!

Quelle: Google
Poissons d'Avril
Für einen Moment war ich versucht, mit diesem heutigen Post meine Leserinnen und Leser einmal so richtig in den April zu schicken. Aber das war wohl ein Anfall von Alters-Infantilität, der sofort von meinen alltäglichen Sorgen durch die Nachrichtenlage überschattet wurde. Ich finde das, was die Mächtigen dieser Welt gerade mit unserem schönen Planeten anstellen, verbietet jegliche Art von April-Scherzen. Was nicht heißen soll, es gäbe keinen Platz mehr für Humoristisches. Schon immer waren es ja in schwersten Zeiten die Hofnarren, die nicht aufhörten, ihren Herrschern den Spiegel vorzuhalten. Aber da wurden Clowns ja nicht wie heute Präsidenten und hatten die Hand am Buzzer.
Max Ernst: Ubu Imperator

Es wird ja viel gerätselt, wieso Mitmenschen in unseren Breiten überhaupt andere am 1. April mit skurrilen oder erfundenen Geschichten in den April schicken.
Wer dem Brauch auf den Grund geht, erfährt wohl manches, das er noch nicht wusste. Es bedurfte zunächst der Hegemonie des "Heiligen Römischen Reiches" und seiner Kaiser, die im 16. Jahrhundert herrschten und einen "europäischen Raum" schufen, in dem es 1564 zu einer Kalender-Reform kam. Bis zu diesem Zeitpunkt begann das Jahr nämlich am 1. April.
Wieso dieser Jahrestag zunächst zu einem Unglückstag wurde, ist auf den Klerus zurück zu führen, der ja seit 1517 durch Martin Luthers Thesen der Reformation unterzogen wurde. Die Kirchengeschichte hatte kolportiert, dass der Verräter an Jesus, Judas Ischariot, sowohl am 1. April geboren war, als dann auch am 1.April verstarb.

Max Ernst: Der Gegenpapst

Vermutlich auf zwei andere Vorkommnisse ist unser Brauch zurück zu führen, jemanden zum 1.April zu verkohlen, obwohl er später mit den Auswanderern auch in die ganze Welt gelangte:
In französisch beeinflussten Regionen - auch bis hinein in die Benelux-Staaten - heftet man, jenen die man necken will, einen aus Papier gebastelten Fisch, den Poisson d'Avril, unbemerkt an die Rückenpartie, damit er damit den ganzen Tage herum läuft und Leute hinter seinem Rücken lachen können.
In Deutschland war es wohl der Münztag-Fehlschlag von1530 in Augsburg.  Wegen der Absage der Prägung zum 1.April standen zahlreiche Spekulanten als Narren da. Eher als weniger wahrscheinlich gilt der Verhör-Hammer, der auf die Mutprobe, ins Wattenmeer zu wandern  - also "jemanden in den Priel schicken" - anspielte.

Bei Amazon auf Lager
Und das nun passt jetzt eigentlich gar nicht zum Vortext:
Heute vor 50 Jahren starb Max Ernst, der Maler, Grafiker und Bildhauer, der bezeichnender Weise am 2. April 191 geboren wurde und der für mich der bedeutendste Avantgardist des Surrealen gewesen ist. Einen Teil seines dramatischen Lebensweges können Interessierte auch in meiner Buch-Empfehlung rechts nachlesen. Falls ich sie schon einmal abgegeben habe, verzeiht!
Die Mächtigen und die Weltgeschichte mögen dem in Brühl Geborenen manch bösen April-Scherz gespielt haben, aber seiner schiefen Sicht auf die Dinge konnten sie nichts anhaben.

Montag, 30. März 2026

Nach der Wahl: Der Wal

Was sagt das über eine Nation aus, der das Schicksal eines gestrandeten Buckelwals mehr Sorgen bereitet als der Zustande der Welt? Respektive des eigenen Landes nach zwei Wahlen, die der AfD beängstigende Zuwächse verschafften. Und dann hat der vorerst befreite Wal auch noch Kurs auf die Küste von "Meckpom" genommen, wo am 20. September diesen Jahres womöglich ein AfD-Kandidat Landtagspräsident durch einen neuerlichen Erdrutsch-Sieg zu Lasten der SPD-Amtsinhaberin Manuela Schwesig werden könnte. Ein Wal als Wahlkampfmaschine und Wahlhelfer - das gab es noch nie! Und er vereint eben die Nation tierliebender Gutmenschen zu einer Zeit, da es gelinde Zweifel an ihrer politischen Ausrichtung gibt.

Quelle: Freepik
Verendet der orientierungslose, jugendliche Meeressäuger trotz aller Rettungsversuche doch noch, könnte er als Menetekel des Untergangs gedeutet werden. Obsiegt er in der durch ihr geringeres Salzgehalt weniger tragfähigen Ostsee, dann könnte er zum neuen Symbol der "Blauen", der oben schwimmenden Neonazis werden.

Es ist in jedem Fall diese Zwiespältigkeit, die mich an meinen Mitmenschen immer wieder fasziniert: Wie können sie bei Chips und Bier eine derart kollektive Empathie für ein einziges, hilfloses Lebewesen entwickeln und gleichzeitig stoisch vor der Glotze Zerstörung und Tod verdauen? In immer tragischeren Zahlen für nix und wieder nix inszeniert von durchgeknallten Despoten!

Da ich diesen Widerspruch leider auch bei mir so entdecke, bin ich zu folgendem Schluss gekommen: Dieser Wal ist ungewollt zum Therapiebegleit-Tier einer ganzen Nation geworden, der ihre Hilflosigkeit immer deutlicher bewusst wird. Ein dämmernde Erkenntnis, die sich nach all dem Wohlergehen in nackte Angst verwandeln könnte...

Aber wie wird er noch als Seelen-Balsam nachwirken, wenn der Problem-Wal wieder aus den Schlagzeilen verschwunden ist?  Wenn er gestorben oder untergetaucht, unser Mitgefühl mit sich genommen hat?

Quelle: Nachrichtenleicht

Freitag, 27. März 2026

Wenn einer die Wahrheit sagt

Wieso hacken jetzt eigentlich wegen seiner Geburtstags-Rede im Außenministerium so viele auf  Bundespräsident Walter Steinmeier rum? Wohl nur, weil er die kriegerische Auseinandersetzung im Joint Venture der USA mit Israel gegen den Iran als Verstoß gegen das Völkerrecht eingestuft hat? Womit er doch keinesfalls das dortige Mullah-Regime in Schutz nahm. Als ehemaliger Chef-Diplomat und Außenminister der Bundesrepublik hat er zweifelsfrei genug Expertise, die zu seiner Einschätzung führte. Seit dem Zweiten Weltkrieg gibt es ja keine offiziellen Kriegerklärungen mehr, weil alle glaubten, das klar formulierte Völkerrecht mache sie überflüssig.
So ist nämlich der Modus Operandi bei einer Einstufung der Lage nach Völkerrecht: Maßgeblich ist die tatsächliche Anwendung militärischer Gewalt, die von Fall zu Fall von Experten dann als völkerrechtswidrig eingestuft wird. Steinmeier ist Experte, auch wenn ihm in seinem heutigen Amt eine "gewisse Zahnlosigkeit" abverlangt wird. Ich bin jedenfalls dankbar dafür, dass wir ein repräsentatives Staatsoberheut haben, dass nicht aus Angst vor Trump herumeiert, sondern bezeichnender Weise "Tacheles redet"*!

Quelle: T-Online

Wären andere Nationen im Spiel gewesen, hätte die Weltöffentlichkeit vermutlich von einem Überfall gesprochen. So traut sich offenbar keiner, die wahren Fakten zu benennen. Tatsache ist, dass es derzeit auf der Welt mehr als ein Dutzend Staaten gibt, deren Bevölkerung von undemokratischen, autoritären Regimes unterdrückt wird. Von einigen weiß man offiziell oder wissen zumindest die Geheimdienste der Großmächte, dass sie bereits über Atomwaffen verfügen. Gegen die müsste dann eigentlich ähnlich vorgegangen werden. Was aber  aus nahliegenden Gründen besser unterlassen wird. Dadurch wird aber die "prophylaktische" Vorgehensweise von USA und Israel gegen den Iran völkerrechtlich ähnlich  wie die seinerzeit gegen den Irak unter Husein ("These arms of massdestruction...").

Wir wissen, die Bomberei und Zerstörung von Infrastruktur hat den Irak nicht wesentlich verändert, denn seine brüchige Scheindemokratie wird immer noch in Teilen des Landes ungestört vom IS regiert. Jetzt zeichnet sich ab, dass sich die von Israel katalysierte erweiterte Zerstörung des nahen Ostens zu einem ähnlichen Armutszeugnis für die US-Außenpolitik im islamisch motivierten Raum entwickelt.

Quelle: NZZ
Ein Unterschied: Hussein wurde offiziell hingerichtet. Die Hinrichtungen islamischer Führer durch Israel und die USA erfolgen jetzt ohne Prozess direkt aus der Luft. Auch wenn dabei Zivilisten, die man ja eigentlich ja von den Mullahs befreien wollte, zu  unkontrollierbaren Kollateralschäden werden.



*Tacheles kommt aus dem Jiddischen und bedeutet Ziel, Zweck oder Ergebnis, also, auch bei unangenehmen Themen, auf ein Ergebnis hin zu diskutieren. Miteinander „Tacheles reden“ heißt, einander die Wahrheit zu sagen.

Mittwoch, 25. März 2026

Vom Opfern an der Brandmauer

 Im Vorfeld der vorgezogenen Bundestagswahl vor über einem Jahr habe ich der SPD als Anhängsel einer neuerlichen Großen Koalition ihren kontinuierlichen Abstieg in die Bedeutungslosigkeit vorher gesagt. Weil für sie in der Mitte eigentlich kein Platz sei. Ich hätte ihr gewünscht mit dem populären Boris Pistorius an der Spitze einen unitären Wahlkampf geführt zu haben. Aber der wollte nicht, und Olaf Scholz hatte sich einmal mehr mit Wumms überschätzt.

Bei dem dann eingefahrenen Ergebnis, war spätestens klar, dass es bei den verbliebenen Luschen und dem Personalmangel in der SPD allenfalls für ein Dauergezänk zu ihren Ungunsten reichen könnte. Aber gewiss nicht für eine Profilierung zur Regeneration. Wieso sind der SPD eigentlich die politischen Talente ausgegangen? Das Desinteressen an der da noch praktizierten "Ochsentour"* hat schon unter dem herrischen Kanzler Gerhard Schröder bei den jungen, charismatischen Sozialisten (Jusos?) begonnen.

Bis beinahe zuletzt hat nur der hochbegabte aber leider im Politikbetrieb verbrannte Kevin Kühnert mit der Ampel durchgehalten. Vier Hoffnungsträger - unter ihnen die brillante Rednerin Katarina Barley - sind lieber ins Europa-Parlament gewechselt. Das ist der Grund, weshalb heute im Kabinett neben dem blutleeren Lars Klingbeil eigentlich nur ebenso farblose SPD-Minister arbeiten, die sich noch nicht einmal neben solchen Dauerblendern wie Katherina Reiche und Alexander Dobrindt profilieren konnten.

Quelle: MAGAZIN
Sie hat ja schon deutliche Risse durch rechtspopulistische EU-Abgeordnete
und Tunnelgräber unter CSU-Mann Manfred Weber davon getragen:
Die metaphorische Brandmauer. Wenn sich die
Wahlergebnisse für die AfD überall derart verdoppeln wie in Rheinland-Pfalz,
werden böse Erinnerungen wach (siehe Ergebnisse für Die NSDAP Anfang der 1930er).
Soll dann keiner wieder sagen, er hätte es nicht kommen sehen
In einer derart dramatischen Phase des Überlebens war die SPD in diesem Super-Wahljahr seit der Weimarer Republik und ihrer anschließenden Vernichtung durch die Nazis noch nie.
Klingelt da etwas? Historiker schreiben der damaligen SPD in jüngster Zeit eine Mitschuld am Scheitern in Weimar zu. Sie hätte nach neuesten Analysen viel mutiger aufstehen müssen.
Aber die haben leicht reden, weil sie ja nicht dabei waren.
Denn jetzt nimmt die ideologische Talfahrt der "Alten Dame SPD" eine derartige Rasanz auf, dass kein noch so begabter Retter mehr aufspringen könnte. Wie lange sie als Puffer gegen die Brandmauer noch gebraucht wird, hängt allein davon ab, wie lange Friedrich Merz Bundeskanzler gegen die diametral zur SPD schnell wachsende AfD bleiben kann.
Quelle; TAZ
Erst Doppelkopf
dann Rübe ab!

Setzen sich die bereits im EU-Parlament grabenden Tunnelbauer in der populistischen Fraktion unter Manfred Weber und dem Wendehals und sympathisierenden Fraktions-Chef  der CDU/CSU, Jens Spahn, durch, dann wird die Brandmauer schneller gesprengt, als alle Pessimisten dies hätten ahnen können.
Sobald die Nazis dann wieder an der Macht sind, wird im heroischen Abgesang auf die Demokratie aus dem geistigen Exil erklingen, die SPD habe sich sehr bemüht, sei aber tapfer als letztes Opfer von der einstürzenden Brandmauer erschlagen worden. Allerdings nur für den Fall, dass das Volk dann überhaupt noch etwas anderes singen darf als "Die Fahne hoch...".

*Als „Ochsentour“ wird bei der SPD metaphorisch ein mühsamer, langwieriger Karriereweg bezeichnet, insbesondere der Aufstieg in politisch höchste Ämter. Dabei müssen Politiker über Jahre hinweg zahlreiche Stationen von lokalen Parteiorganisationen über Gemeinde- und Stadträte bis zur Bundesebene durchlaufen, um sich Ansehen und Netzwerke zu erarbeiten.

Montag, 23. März 2026

Kritik an der Politik Israels ist nicht gleichzusetzen mit Antisemitismus

Das, was die Partei "Die Linke" derzeit beschäftigt, hat eigentlich nichts mit latentem Antisemitismus zu tun. Vielmehr gilt ein Teil ihrer Mitglieder als gesichert pro palästinensisch und macht das sogar durch das Tragen der Kafiya deutlich. Wer bei uns in dem Konflikt des Nahen Ostens politisch Partei ergreift, geht von Haus aus das Risiko ein, in der Widersprüchlichkeit der Argumente zerfleddert zu werden. Wäre das so einfach, hielte dieser Zustand in der Region nicht schon seit dem Zweiten Weltkrieg mit wiederkehrenden, kriegerischen Unterbrechungen und Scheinfrieden unvermindert an. Fest steht, dass die Hamas mit ihrem Überfall auf Israel eine neue Härte der Unvereinbarkeit eingebracht hat. Israel aber durch die Vernichtung Gazas und jetzt mit dem Krieg gegen den Iran und den Libanon eine "Endlösung" anstrebt.

Quelle: TAZ
Allein der Verdacht, dass
in diesem Hotel im Libanon
die Hisbollah Unterschlupf
 gefunden haben könnten,
rechtfertigte für die Israelis,
dass auch Zivilisten, bei ihrem 
Angriff  zu Tode kamen

Ich habe Israel in einer Phase des Friedens Mitte der 1980er vom Mittelmeer bis zum Roten Meer bereist, als dort wieder Hoffnung auf einen ungefährdeten Tourismus aufkeimte. Ich war begeistert davon, was die Israelis diesem Gebiet abgerungen haben, das ja zu einem nicht geringen Teil aus Wüste besteht. Da ich mit jüdischen Mitschülern aufgewachsen war, hatte ich auch keine Mühe mich den religiösen Gebräuchen unterzuordnen. Aber schon damals spürte ich auch, dass vor allem Sabra, die Israelis der ersten Stunde, sich vom Wesen her über ihre palästinensischen Mitbürger stellten.

Ich habe diese lange Einleitung gewählt, damit man mir für diesen Post nicht unterstellen kann, ich sei ebenfalls latent antisemitisch eingestellt.

Quelle: DIE ZEIT
Ob es eine Amerikanische oder Israelische
Rakete war, die 176 Kinder und 14 Lehrer
in  der Mädchenschule von Minab tötete,
wird wohl niemals geahndet werden
Am Samstag sah ich in den Abendnachrichten, wie sich der Israelische Verteidigungsminister Israel Katz samt Gefolge durch einen Kindergarten bewegte, der von einer iranischen Rakete zerstört worden war. Zum Glück waren bei dem Einschlag keine Kinder zugegen. Es wurde auch sonst niemand verletzt. Dennoch sprach Katz vor laufenden Kameras von einem Kriegsverbrechen. Unterschiedlicher kann wohl keiner Raketen-Einschläge zwischen Gut und Böse - gerechtfertigt und frevelhaft - gewichten. Als der Krieg gerade begonnen hatte, wurde im Iran eine Mädchenschule bombardiert, in der wohl weit über hundert Opfer zu beklagen waren. Die Nachforschung ergab, dass der Schlag wohl auf einer fehlerhaften oder veralteten Geheimdienst-Information beruhte. Infolgedessen wurde er als Kollateralschaden bedauert, aber nicht als Kriegsverbrechen eingeordnet...

Quelle: Spiegel
Israels Verteidigungsminister
als potenziellen Kriegsverbrecher
zu bezeichnen, ist nicht antisemitisch

Mich stört, dass die Verantwortlichen in Israel, wie selbstverständlich bei ihrer Betrachtungsweise immer von zweierlei Maß ausgehen, aber bei jeglicher Vergeltung für sich in Anspruch nehmen, dieses Maß an Vernichtung erheblich zu potenzieren.

Als freier Bürger einer partiell noch freien Welt ist es mein gutes Recht, in freier Meinungsäußerung der Israelischen Regierung vorzuwerfen, dass sie nach Nachrichtenlage in den letzten Jahren mehrere Kriegsverbrechen oder Verstöße gegen das Völkerrecht begangen hat. Ich bin absolut gegen die Handlungen von Netanjahu und Katz. Aber deshalb bin ich noch lange kein Antisemit.

1986 nur bewaffnet mit der Kamera:
Ein friedliches Abenteuer mit
Sephi im Negev, und danach zum 
Tauchen ins Rote Meer

Freitag, 20. März 2026

Vom Abenteuer, in einem Buch zu verschwinden!

Meinem Enkel habe ich verschiedene Bücher aus der Zeit geschenkt, die mich fasziniert hatten, als ich in seinem Alter war. Er hat sie vermutlich noch nicht gelesen und wird sie auch nicht mehr lesen, weil in ihnen eine Welt stattfindet, die er so nicht mehr sieht und zeitbezogen Handlungen verstehen soll, zu denen er keinen Zugang mehr hat. Von Tom Sawyer, der Roten Zora bis hin zu Robinson Crusoe wird er nie fasziniert worden sein. Dafür kann er aber schon kleine Filme mit seinem Handy produzieren und verschicken sowie im Drei-D.-Drucker Figuren erschaffen. Er ist sehr aufgeweckt und ein guter Schüler. Schon meine Kinder lasen nur noch das, was gerade aktuell war oder in der Schule von ihnen verlangt wurde, weil die elektronischen Medien im raschen Wandel ihre Phantasien im wahrsten Sinne in andere Galaxien katapultierten. 

Auf der Leipziger Buchmesse wird wieder viel von der Krise die Rede sein, in der die Verlage, die Autoren und letztlich die Buchhändler nicht nur stecken, weil die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen gerade so verheerend sind. Und dann kommt so ein Teflon-Kulturstaatsminister wie Wolfram Weimer auch noch daher und möchte den geschundenen Handel auf rechts drehen. Immerhin hat er durch seinen "Buchhandelspreis" die Sparte überhaupt wieder mal in den Fokus gerückt. Denn am eigenen Schopf wird sie sich nur noch durch ein Wunder aus dem Schlamassel ziehen können. Lesen ist Luxus geworden.

Quelle: 123RF
Wir Leser bestimmen,
ob das Buch auf den Hund kommt

Heute kostet ein gebundenes Belletristik-Buch zwischen 18 und 23 Euro. Das ist dabei im Schnitt von der Kaufkraft her nicht mehr als zur DM-Zeit, und die ist schon seit einem Vierteljahrhundert vorbei. Die Zahl der Neuerscheinungen soll im Vergleich zur letzten Leipziger Buchmesse von mehr als 90.000 auf rund 70.000 zurück gegangen sein. Im vergangenen Jahrzehnt ist die Zahl der Buchhandlungen - wie der Deutsche Börsenverein vermeldet - um 15 Prozent geschrumpft.

Meinen früheren Lese-Konsum (als gelernter Verlagsbuchhändler) von rund 50 Romanen pro Jahr könnte ich mir heute gar nicht mehr leisten, selbst wenn es "Paperbacks" wären. Die kosten nämlich laut KI  auch schon 15 bis 18 Euro im Schnitt. Aber so lange meine Augen das noch mitmachen (mein voll geladener Reader vergammelt bereits in der Schublade, weil mir nach zehn Minuten schon die Augen tränen), erliege ich nicht wie meine Kinder den Hörbüchern. Obwohl, die wären ja zum Streamen in der Jahrespauschale meines Lieferdienstes wie auch die gesamte neue Musik inbegriffen. Was ja wohl auch die Verkaufszahlen tangiert. Buch- und Schallplattenläden wie sie meine Frau einst zu Boom-Zeiten führte, werden durch den Versandhandel sowieso bald obsolet.

Foto: Claus Deutelmoser
Sentimental Journey:
Der Geruch alter Bücher ist vielleicht bald
nur noch für die aussterbenden
Sammler von Erstausgaben Stimulanz
Dass ich überhaupt wieder Gedrucktes bis zum Anschlag konsumieren kann, verdanke ich allein im Sommer dem Ringtausch der "alten Burggeister" in dem ligurischen Bergdorf, das uns zur zweiten Heimat geworden ist. Wer was ausgelesen hat, deponiert das im wettergeschützten Alkoven unserer Abfall-Tonnen auf einem Fels-Sims. Oder es geht auch immer häufiger im direkten Tausch von Hand zu Hand gegen ausgesuchte Exemplare aus unseren prall gefüllten Bücherregalen. Dabei hatten wir doch schon beim ersten Umzug vor 25 Jahren tausend Bücher verschenkt oder mussten sie entsorgen, weil sich Antiquariate kaum noch rentierten.
Bücher sind jedoch nur im Kopf kein totes Kapital. Im Rück- und Hinblick darauf ist es nach einer derart langen Lesestrecke wie meiner dann auch völlig egal, ob aus einer gehypten Neuerscheinung von der Shortlist mit kritischem Abstand ein "alter Schinken" geworden ist.

In einem Buch mit Phantasie verschwinden zu können, ist auch am Ende aller Tage noch ein einzigartiges Abenteuer, das sich sogar ohne Gefahr jederzeit wiederholen lässt.

Mittwoch, 18. März 2026

Entamerikanisierung oder Kopf-Versklavung

 Wie weit die von der US-Administration vorgetragenen Ansichten, wie nicht nur Deutschland zu sein hat, um von Trump gelikt zu werden, in die Köpfe der Menschen vorgedrungen ist, konnte jeder am Montag zur besten Sendezeit bei der ARD-Show "Die 100" erkennen. Es ging um die provozierende Frage, ob wir mit Trumps Amerika noch Freund sein wollen:
https://www.ardmediathek.de/video/die-100-was-deutschland-bewegt/wollen-wir-trumps-amerika-noch-zum-freund-haben/ard/Y3JpZDovL25kci5kZS9kOGYwYjYwZC03ZTA4LTQ3YjAtYjg2NS04MDgyNWU0ZGMxMTc

Quelle: TV Movie
Moderator Ingo Zamperoni:
Vom Moderator zum Manipulator?
Wer immer da im Hintergrund wirklich Regie geführt hat, besser konnte der derzeitige Zustand unserer Gesellschaft oder besser noch die aktuellen Strömungen im Wahlvolk nicht dargestellt werden. Die Infiltration durch Influencer und proamerikanische AfD-Narrative entlarvte sich derart, dass zum Teil wortwörtlich Einschätzungen von Vance und Rubio wiederholt wurden. Viel gefährlicher war aber dass das Mittelfeld der 100, die Ansicht der meisten europäischen Spitzenpolitiker widerspiegelte, es handele sich bei Trump um ein vorübergehendes Phänomen, das spätestens nach dessen zweiter Amtszeit wieder zu alten Verhältnissen zurück führe.

Geradezu entlarvend war ja dann die Schluss-Szene dieser Schau, die uns allen vor Augen führte, wie stark wir nach dem Zweiten Weltkrieg und der Befreiung durch die Alliierten amerikanisiert wurden. Keiner der 100 konnte behaupten, er sei irgendwie nicht betroffen vom "American Way o Life" und unabhängig von seiner Master-Mind durch Social Media.

Quelle: Trome.com

Sollte der Eindruck entstanden sein, wir könnten ohne den US-Einfluss nicht mehr sicher existieren, dann hat Trump durch die Rasanz, mit der er und seine Adepten die Weltordnung durcheinander wirbelt, zumindest schon mal in der Deutschen Bevölkerung einen Teil-Sieg errungen.

Quelle: freepik

Wie wird sich das auf anstehende Wahlen nicht nur in unserem Land, sondern auch in der gesamten EU auswirken, wenn die Ultrarechten im Europäischen Parlament unverfroren mit den Christlichbürgerlichen kungeln? Wird dann demokratisch gewählter Faschismus auch in der "Alten Welt" wieder zum Erfolgsmodell?

Im Moment leisten die Regierungschefs noch aufrechten Widerstand, sich von Trump nicht in die von ihm aus rein wirtschaftlichem Kalkül entfachten Kriege hinein ziehen zu lassen. Auch Trumps  Allmacht-Spiel, die NATO tatsächlich als "obsolet" infrage zu stellen, verfängt ja noch nicht, Aber wie lange noch?

Langsam fange ich an, jenen zu glauben, die Trumps stetiges Beharren und wiederholtes Anspielen auf die "gestohlene Wahl" in Wirklichkeit der schwelenden Wut eines zunächst gescheiterten Verschwörers geschuldet ist. Dass nämlich der von Putin unterstützte Komplott erst eine Legislaturperiode später erfolgreich war und ihm so die vier Lebensjahre gefehlt haben, die Welt schon vorher wie geplant umzukrempeln. Anders wäre das Herumeiern mit dem "Zar aller Reusen" ja sonst nicht einzuordnen. Dass er gerade die Öl-Sanktionen ohne Absprache mit anderen Nationen für 90 Tage aufgehoben hat, ist ja nicht nur Augenwischerei, sondern Signal für das langsame Weitersterben der Ukraine.

Und weil das Einverleiben von Grönland vorerst noch am Winderstand der Europäer scheitert, formuliert Trump schon mal seine Gelüste auf eine Übernahme von Kuba, obwohl es da ja gar kein Öl gibt und der Inselstaat wie kein anderer unter der Verknappung leidet.

Sollten "Die 100" vielleicht einen Hoffnungsschimmer erzeugen? Bei mir eher nicht. Ich denke, der Spruch "die Hoffnung stirbt zuletzt" wird dadurch absurd, dass diese gerade zwischen allen Fronten zu Tode gebombt wird.

Matthäus 16,26: Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? Und was, wenn die dringend anstehende, partielle Entamerikanisierung scheitert und die Kopf-Versklavung ungebremst bis zu unserer Seelenlosigkeit weiter geht?

Quelle: subQtan