Mittwoch, 20. Mai 2026

Ja, wenn es schön macht!


Wenn wir in unseren sprachlichen Rüpel-Jahren einen Geschlechtsgenossen beleidigen wollten, sprachen wir schon mal von einer "Hackfresse"*. Weil es in dieser Welt offenbar nichts mehr gibt, war es nicht doch geben könnte, las ich gestern vom "Looksmaxxing".
Das sei ein von Influencern beeinflusster Trend, die männliche Schönheit prägnanter zu machen. Mitunter geschehe das auch durch "Bonesmashing" also gezieltes zertrümmern von Gesichtsknochen, um - wie die Delinquenten es nennen, das Gesicht markanter zu machen und um dadurch das Erscheinungsbild zu mehr Männlichkeit zu "verformen".
Die komplette Anleitung
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In meinem Alter geht wohl nichts mehr ohne "Flashback", denn mir fielen sofort mehrere Spitzen-Manager einer großen Versicherungsfirma ein, in deren "erlauchten Kreis" ich mal für Jahre als Berater sitzen durfte. Der Konzern rekrutierte die Führungskräfte offenbar bevorzugt aus sogenannten "Schlagenden Studentenverbindungen". Dementsprechend wirkten die Männer dieser Runde mit ihren zum Teil grotesken Schmissen über Nase und kahle Schädel eher als seien sie Versicherungsnehmer und wollten "einschlägige" Schäden ersetzt haben. Komisch, aber beim "Afterwork"-Umtrunk fielen sie nicht heldenhaft, sondern durch eine eher zum Fremdschämen veranlassende Einstellung gegenüber dem weiblichen Geschlecht auf. Ewig gestrig also!

Und genau da zeigen sich Parallelen zu diesem aktuellen Influencer-Wahnsinn. Der überzogene Anspruch nach männlicherem Aussehen birgt wohl auch ideologisch bedingte Verächtlichkeit gegenüber dem Geschlecht, dem man ja wohl eigentlich gefallen möchte. Der Gedanke dahinter: Die so erworbenen Männlichkeit soll nach der Alpha-Männchen-Methode die zu erobernde Weiblichkeit eher einschüchtern. Wie das Brusttrommeln brunftiger Gorillas.

Quelle: Luxemburger Wort

Entlarvend ist wohl dabei eine Rangliste; Hier das Zitat:
Die Influencer, die auf TikTok, Instagram und YouTube ihren männlichen Followern "Looksmaxxing" predigen, messen Attraktivität allerdings auf einer von ihnen erfundenen Punkteskala, mit der sie die jeweiligen Gesichtsproportionen bewerten. Wer in den unteren Stufen landet, ist demnach ein "Sub", oder "Untermensch".**

Wer junge, noch zu beeinflussende Männer in der Familie oder im Freundes- und Bekanntenkreis hat, sollte unbedingt den vollständigen Beitrag lesen:

https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/looksmaxxing-maennlichkeit-100.html

Quelle: Wikipedia
Der Rücksturz in gestrige Tendenzen,
könnte mit dem Erstarken der Rechtspopulist*Innen 
einher gehen
*Eine "Hackfresse" ist ein derber, umgangssprachlicher Ausdruck für ein hässliches Gesicht oder eine unansehnliche Visage. Der Begriff setzt sich zusammen aus "Hack" (als Synonym für zerkleinertes Fleisch oder umgangssprachlich für "Hauen/Schlagen") und "Fresse" (derben Ausdruck für das Gesicht). 

**"Untermensch" ist eine Bezeichnung von Nazis für Juden. Solche Anklänge an rechtsradikale bis rassistische Denkmuster sind nicht zufällig, denn aus dieser Ecke kommt "Looksmaxxing", entstanden in den Echo-Kammern der frauenfeindlichen "Manosphere". Ihre Inhalte richten sich mit frauenverachtenden Aussagen besonders an junge Männer und Jugendliche, um Bilder einer starken Männlichkeit zu verbreiten.

Montag, 18. Mai 2026

Wenn zwei Mega-Egos im Zirkus Theater machen

 

Quelle: rausgegangen
Manchmal jagt der Kalender mir Schrecken ein. Das kann doch nicht sein, dass das "Circus-Theater Roncalli" heute den 50. Geburtstag seiner Premiere feiert. Am 18 Mai 1976 fand die erste Vorstellung dieses sagenumwobenen Kunst-Projekts auf der Hofgarten-Wiese in Bonn statt.
Zwei multitalentierte Kunstschaffende hatten sich für dieses Konzept zusammen getan, dass ehrgeizig mehr sein sollte als die traditionellen Dressur- und Artisten-Shows: Der ehemalige, die Zeitschriften-Gestaltung generell beeinflusst habende Art-Director der Österreichischen Zeitschrift "Profil", Bernhard Paul, und der Schauspieler, Sänger und als Kreativ-Dynamo sich stets neu erfindende André Heller.

Quelle: Circus Roncalli
Schon als Kind hatte Bernhard Paul 78
den Wunsch, einmal Zirkus-Direktor zu werden
Ich war für ein Männer-Magazin bei einer Sneak-Preview auf dem ersten Stellplatz für das farbenprächtige Zelt in München nahe den Pinakotheken, den sie später inoffiziell dann als Haltestelle Roncalli-Platz nannten. Da waren die beiden schon zerstritten und in einen für das junge Projekt beinahe ruinös langen Rechtsstreit verwickelt. Wie meist war Heller wohl unerbittlich bei den Bühnenbildern gewesen und hatte einen Teil der Darsteller mit sich genommen. Erst 1992 versöhnten sich die zwei Mega-Egos, als sich Heller bei Paul entschuldigte.

Quelle: Circus Roncalli
Neben Paul, der den Clown "Zippo" gibt,
tritt auch seine gesamte Familie
in die "Manege" von Roncalli 

Von der anfänglichen, bezaubernden Phantasie entwickelte sich Roncalli - zumindest in München - zu einem Must Have der Schickimickis. Woraus dann 2006 in logischer Folge unter Zuhilfenahme des von mir einst sehr geschätzten Jahrhundert-Kochs Eckart Witzigmann ein kaum noch zu bezahlender, aber dennoch sofort ausverkaufter Gourmet-Zirkus wurde.

Nach Korona wurde das Jahr der Wiederauferstehung 2022 überraschend zum erfolgreichsten in der Geschichte von Roncalli

Ab 25. Mai 2026 beginnt die neue Tournee mit 67 Veranstaltungen. Die vorweihnachtlichen Termine in Linz sind jetzt schon ausverkauft. Die Idee vom Circus Theater Roncalli lebt also!

Quelle: vonREISENundGÄRTEN
Bald wird er 80, aber noch immer
ist er von neuen Projekten
besessen. Wie das hier in dem von
ihm geschaffenen:
"ANIMA - die Rückkehr des Paradieses"
am Stadtrand von Marrakesch.
Oder...

Quelle: WELT
... er singt immer noch eigene Lieder
 und Chansons mit zeitkritischen Texten.
"Diesen Kapriolen-Dandy braucht die Welt!",
schrieb eine Deutsche Zeitung 2019


Freitag, 15. Mai 2026

Forrest Trump?

 Vor vierzig Jahren veröffentlichte Winston Groom (1943 - 2020) einen Roman, der durch seine Verfilmung berühmter wurde als "Vom Winde verweht" oder "Jenseits von Eden". Groom entlehnte die Literaturposse "Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch" (erschienen1668/69), in der Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen den Irrsinn des Dreißigjährigen Krieges thematisierte, und ließ seinen tumben Helden durch vier Jahrzehnte gegenwärtiger US-Geschichte stolpern: Forrest Gump.

Quelle: Wikipedia
Winston Groom 2014

Die Verfilmung gereichte Hauptdarsteller Tom Hanks und Regisseur Robert Zemeckis durch die sechs Oscars, die sie einheimste, zu nachhaltigerem Ruhm als dem Autor, der in der jahrelangen Hype um den Film eigentlich übergangen wurde. Nach deren Erfolg schrieb Groom vielleicht deshalb noch eine Fortsetzungs-Geschichte unter dem Titel "Gump&Co (1996). Damit hat er seinem Hauptwerk jedoch keinen guten Dienst erwiesen. Weshalb heute vielleicht nur noch Insider von dem Autor wissen und seine "seherischen Fähigkeiten" beim Wandel der Vereinigten Staaten umso mehr hervor heben.

Quelle: Osiander
Ob dem POTUS noch eine
neue Pingpong-Diplomatie reichen wird?
Erstmalig wurden in die Filmszenen historische Filmdokumente eingebracht, durch die sich Forrest Gump mittels einer damals neuartigen Technik bewegt, als hätte er sie so scheinbar dokumentiert erlebt. Es lohnt sich unter diesem Aspekt und angesichts der Deep-Fake-Möglichkeiten heute, den Film noch einmal anzuschauen. Aber auch wegen der damals aufgespießten "Verblendungen" des American Way of Life bekommt die aktuelle US-Politik einen Spiegel vorgehalten.

Ich jedenfalls hatte gestern durch den Auftritt des US-Präsidenten beim Staatsbesuch in China einen regelrechten Flashback zu der persiflierten Pingpong-Politik im Film. Als seien nicht drei Jahrzehnte seither vergangen. Nur mit dem Unterschied, dass der aktuelle US-Präsident langsam zum Regisseur und Hauptdarsteller seiner eigenen Satire wird.

Quelle: Tagesspiegel


Mittwoch, 13. Mai 2026

Kaum Klimawandel bei den Eisheiligen

Quelle: Servus

In den letzten Tagen waren die Feuilletons voll von Spekulationen, ob Mamertus, Pankratius, Servatius, Bonifatius und Sophie dem Klimawandel trotzen und ihrem Ruf als "Eisheilige" überhaupt noch gerecht werden könnten. Aber siehe da, sie können uns noch zittern lassen. Pünktlich halbierte Mamertus am 11. Mai die Plusgrade auf unter 10, gestern kam zwar nach nächtlichem Dauerregen und Schneefall in den Bayrischen Bergen noch ein wenig die Sonne durch, aber bis zur "Kalten Sophie" am 15. Mai bleibt es so "schattig" und nass wie die Bauernkalender dies seit dem Mittelalter warnend für die allgemeine Aussaat schon immer prophezeit haben. Als meine Frau und ich noch zwei Gärten am Haus im Grünen Gürtel von München zu bewirtschaften hatten, haben wir uns auch strikt an die Regel gehalten, neue Pflanzen erst nach dem 15. Mai zu setzen und bis dahin auch die Rasenflächen nicht zu mähen.
Quelle: Williz Wildes Wuseln

Trotzen die "Fünf Frostbeulen" - aus welchen höheren Weisungen auch immer - tatsächlich dem Klimawandel oder ist an dieser ominösen Wetter-Konstellation Jahreszeit bedingt tatsächlich etwas dran? Seit es Klima-Aufzeichnungen gibt, steht es um die Eisheiligen wie mit dem Wetter generell: Der Mai ist zur Mitte hin mal so, mal so. Eben so lala!
Bei allen Heiligen wäre es wirklich auch ein wahres Wunder einsteinscher Zeit-Verschiebung. Als nämlich die Kalender-Reform von 1582 von julianisch auf gregorianisch umstellte, hätten sich das Tun der "Eisheiligen" eigentlich um gut ein Dutzend Tage nach hinten verschieben müssen. Wären sie mit Bodenfrost noch Ende Mai gekommen, hätte man ihrer bestimmt nicht so schmunzelnd gedacht.

Bleibt noch die Gender-Frage: Müsste es nicht korrekt Eisheilig*innen heißen?

Montag, 11. Mai 2026

Über Kognitive Fähigkeiten

Wenn eines so sicher ist wie das Amen in der Kirche, dann ist es das Nachlassen von Wahrnehmungen im Alter. Dabei stellt sich der Ich-Bezug nicht selten vor die Fremd-Einschätzung. Ich erzähle als Beispiel gerne eine Episode meiner Eltern, die auch im hohen Alter nicht auf spektakuläre Reisen verzichten wollten. Ihre letzte große Reise war einer der legendären Kreuzfahrten auf dem Nil. Es war überhaupt ihre erste und einzige Kreuzfahrt.

Quelle: WELT
Eine Nil-Kreuzfahrt ist eine
Frage von Geld und Zeit,
aber nicht eine des Alters

Zurück in ihrer oberbayrischen Heimat fragte ich sie, wie es denn so gewesen sei? Sie schwärmten unisono von den altägyptischen Perspektiven und endeten empört, dass sie nie wieder auf Kreuzfahrt gingen: "Da waren ja nur alte Leute an Bord!"

 Mein Vater starb zwei Jahre später knapp vor seinem 80sten Geburtstag, den Sekunden-Tod, weil er am Telefon seinen behandelnden Arzt wegen eines neuen Medikaments in Rage zusammen gefaltet hatte. Meine Mutter stieg in ihrer Senioren-Residenz in den Fahrtstuhl, nachdem sie unter den Heimbewohnern noch eine Spenden-Aktion für die Tsunami-Opfer von Sri Lanka angestoßen hatte. In ihrem Stockwerk kam sie nicht mehr lebend an. Sie wurde 86. Bis zum Schluss verfügten meine Eltern noch über außergewöhnlich kognitive Fähigkeiten. Was ich heute als Gnade empfinde, da ich den Morbus Alzheimer bei meiner geliebten Schwägerin so andauernd miterleben muss.

Quelle: Instagram

Leider ist das Wegdämmern in der Familie meiner Frau möglicherweise genetisch bedingt, was aber auch daran liegen könnte, dass sie meist die 80 überschreiten. Die Häufigkeit von Alzheimer in der Gesellschaft ist bestimmt darauf zurück zu führen, dass wir Alten die Alterspyramide gerade umdrehen, was eben auch zu den politischen Diskussionen über Rente, Pflege- und Krankenversicherungen führt. Ob wir wollen oder nicht, wir müssen eine Anpassung auf diese Verhältnisse in Kauf nehmen, um eine gesellschaftliche Zersetzung zu vermeiden. Das könnte auch bedeuten, dass wir die Altersbeschränkungen nach oben erheblich ausweiten müssen.

Aber muss, das bedeuten, dass auch unsere aktiven Politiker immer älter werden. Gerade hat der Britischen Premier Keir Starmer seinen Vorgänger Gordon Brown zur Rettung seiner Labour-Regierung nach den heftigen Niederlagen auf kommunaler Ebene in sein Kabinett berufen. Brown ist 75. Vladimir Putin nennt erstmals seinen Freund Gerd Schröder, unseren Ex-Kanzler, als bevorzugten Unterhändler, sollte es doch noch zu Verhandlungen mit der Ukraine kommen. Wann immer - Schröder ist 82!

Über die kognitiven Fähigkeiten* von POTUS machen sich weltweit die Satiriker lustig, seit der mächtigste Mann der Welt in der vergangenen Woche über sein Abschneiden bei einem kognitiven Test so widersprüchlich schwadronierte. Der US-Präsident wird in ein paar Wochen 80 und hat sich noch im letzten Wahlkampf über seinen greisen Amtsvorgänger Joe Biden lustig gemacht.

Paint-Collage CD aus
Quellen news.de und Harfen Forum

Bei all seinen Fehlentscheidungen, irritierenden Posts, Widersprüchen und Lügen wäre der Mann im Zivil-Leben längst ein Fall für die Unterbringung in einer psychiatrischen oder geriatrischen Einrichtung. Aber er ist eben der wankelmütige Herr über den Buzzer. Hoffentlich reichen seine kognitiven Fähigkeiten nicht mehr aus, noch Harfe spielen zu lernen, um beim Abfackeln der Menschheit auch noch Helden-Gesänge anzustimmen - wie einst der Römische Imperator Nero. Ach, egal, hört dann sowieso keiner mehr...



*Kognitive Fähigkeiten sind geistige Prozesse zur Informationsverarbeitung, Wahrnehmung und Speicherung, die Denken, Lernen, Gedächtnis, Sprache, Aufmerksamkeit und Problemlösung umfassen. Sie bilden die Grundlage für die Interaktion mit der Umwelt in Alltag, Beruf und Schule, wobei exekutive Funktionen wie Planung und Flexibilität eine zentrale Rolle spielen

Freitag, 8. Mai 2026

Wenn Leben mehr zählt als dessen Qualität

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Immer noch sehenswert:
Der Film "Am Anfang war das Feuer"
Unser Ur-Instinkt nötigt uns, zu überleben. Der stammt noch aus der Zeit als der "Mensch mit Erkenntnis", der Homo sapiens also, endlich kapiert hatte, dass vor anderen fort zu rennen, weniger ausrichtete, als der Gefahr durch Keulen oder Steinwürfe aktiv zu begegnen. Diese Wehrhaftigkeit übte er aus, um sich und seine Sippe zu beschützen, aber auch seine Lebensweise zu verteidigen. So weit, so einfach.

Seit Jahresbeginn erhalten 18jährige wieder Briefe zur Wehrerfassung. Damit soll für den Fall vorgebeugt werden, dass die Freiwilligkeit, in der Bundesweht Wehrdienst zu leisten, doch nicht ausreicht, uns wirkungsvoll zu Wehr zu setzen. Viele Empfänger bleiben bislang aber die Rücksendung der Fragebögen schuldig.

Ich bin als anerkannter Wehrdienstverweigerer eindeutig Partei, aber versuche hier aus der Erinnerung meine Beweggründe von damals auf den Prüfstand zu stellen.

Damals - das war 1968 - musste ich formell und schriftlich begründen  weshalb ich den "Kriegsdienst" - oder zumindest den "Dienst an der Waffe" verweigerte. Ich verwendete keine Argumentationskette, wie sie von der Organisation BdK (Bund der Kriegsdienstgegner) empfohlen wurde, sondern verließ mich darauf, dass auch meine ethischen Gründe Anerkennung finden würden.
Mein Vater, Kriegsteilnehmer und Bundesbeamter höheren Ranges, bekam bald darauf einen Brief vom Ministerium, er möge doch auf seinen Sohn einwirken. Quasi mich zur Vernunft bringen.
Was immer mein Vater in seiner Empörung über dieses Ansinnen geantwortet hat, bewirkte, dass ich sehr schnell vor der Kommission zu erscheinen hatte. Meine Begründung baute darauf auf, dass ich nach Lage im anzunehmenden Kriegsfall auf die geknechteten "Brüder und Schwestern" in der DDR schießen müsste. 

Die immer wieder perfide gestellte Fangfrage, was ich denn täte, wenn der marodierende Feind unmittelbar meine Familie bedrohte, machte mich richtig wütend. Wenn der F e i n d schon so weit vorgedrungen sei, wäre ich vermutlich nicht mehr am Leben oder wäre beim Versuch zu meiner Familie zu kommen, als Deserteur standrechtlich hingerichtet worden. In der beschriebenen Situation hätte es nämlich gewiss keinen "Urlaub von der Front" gegeben. Also sei die Frage, ob ich durch meine Gegenwehr riskierte, meine Familie abschlachten zu lassen, doch nur hypothetisch.

Quelle: Amnesty International
In den seltensten Fällen trägt das individuelle
Opfer für Anfang und Ende eines Krieges die Schuld

Ist ein Krieg vorbei, muss jeder nach gegebenen Umständen als Individuum für sich entscheiden ob sein Leben mehr zählt als dessen Qualität unter Fremdherrschart von Siegern über Besiegte

Tatsächlich hielt meine Mutter dann ihre Familie über Wasser, indem sie nach der Flucht im bereits "befreiten" Hamburg eine Anstellung beim Britischen Offiziers-Club erhielt.
Dass aus feinden Freunde werden konnten, hatte ich vor dieser Anhörung ein Jahrzehnt lang in unmittelbarer Nachbarschaft von amerikanischen Spielgefährten und deren Eltern in  München erfahren dürfen.

Von den Erlebnissen jedoch, die ich vor der Wiedervereinigung durch Spitzeleien von Kollegen aus der DDR erfahren musste, konnte ich damals glücklicher Weise noch nicht einmal ahnen.

Heute als alter Mann weiß ich längst, dass die Zeit de facto keine Wunden heilt. Vielmehr müssen Betroffene zum Über- und Weiterleben auch wissen, dass manche der verbliebenen Narben bei jedem "Wind of Change" wieder zu schmerzen beginnen.

Quelle: Freepik
Weil nie wirklich zu bestimmen ist,
woher der "Wind des Wechsels" wirklich weht
und wohin er uns dann treibt, ist er so trügerisch.
Die unmittelbar gegenwärtige Geschichte,
belegt zudem, dass er nie auf Dauer weht.
Es ist schon ein Glück, wenn er einem 
nach dem Abflauen nicht eiskalt ins Gesicht bläst.


Mittwoch, 6. Mai 2026

Erschütternd!

Bei allem, was die Welt gerade in maximale Unruhe versetzt, vergisst man leicht, dass uns die Erde selbst mit ihren Erschütterungen heimsucht. Seit wir in Ligurien auf einem Felsenkamm leben, bin ich dort immer online mit dem Erdbeben-Monitor. Der ist zwar auch kein Schutz vor Erdbeben, aber ein halbwegs verlässliches Frühwarnsystem. Allerdings als unser Haus durch zwei kurze Erdstöße derart erschüttert wurde, dass die Kerzen aus den Leuchtern flogen, hatte ich vorher kein Signal bekommen. Der Computer war abgeschaltet (!?). Schäden am Haus gab es auch keine. Da haben wohl die Erdbeben-Anker, die unsere Außenmauern im inneren mit Stahlseilen durchziehen gut funktioniert.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es kaum ein größeres Gefühl der Hilflosigkeit gibt, als ein Erdbeben zu erleben. Zweimal hätte es mich erwischen können: In Zamboanga auf Mindanao in den südlichen Philippinen war ich gerade in einem Restaurant beim Mittagessen, als ich mit meinem Stuhl vom Tisch geschleudert wurde und zwei Meter versetzt bei anderen Gästen landete. Und dann war da noch der "After-Shock" nach dem großen Kalifornischen Erdbeben von 1996, der mich unweit von Disneyland in Anaheim mitten in der Nacht erwischte...

Quelle: Wikipedia
Seismographische Darstellung des Epizentrums
Immer wieder erinnert uns unsere liebe Erde, dass sie nur aus Schollen besteht, die hauchdünn auf einem brodelnden Meer aus Magma schwimmen. Und typisch für den Menschen ist, so ein Erdbeben möglichst schnell zu vergessen und Zerstörtes an selber Stelle wieder möglichst genauso aufzubauen.

Quelle: visit.gemona

Quelle: Venzone Torismo
Wer dieser Tage in Friaul durch die Städte Gemona, Venzone und Osoppo fährt, sieht kaum noch die Schäden, die heute vor 50 Jahren ein Erdbeben der Stärke 6,5 angerichtet hat und 989 Menschen das Leben kostete. Wer von den 2400 zum Teil Schwerstverletzen heute noch am Leben ist, wird wohl einmal mehr - aber vermutlich immer noch traumatisiert - Geburtstag feiern...
Quelle: Verliebt in Italien
Malerisch wie einst - auferstanden aus den Trümmern:
Gemona del Friuli