Während die Untertanen in Ehrfurcht vor der Macht erstarren, ruft ein unverblendetes Kind freimütig: "Der hat ja gar nichts an!" Hans Christian Andersens Märchen "Des Kaisers neue Kleider" ist auch heute immer noch eine treffende Parabel über den Distanzverlust von Menschen mit Macht.
Braucht es Kinder, die unbeeindruckt hinschauen, während die Alten beschämt zu Boden blicken, um möglichst nichts wahrzunehmen? Der Zweite Weltkrieg war gerade mal zehn Jahre vorbei . Ich glaube, da war ich gerade erst in die Schule gekommen, als ich zusammen mit meinem Vater am Bahnhof im "Aki" saß. Damals gab es diese Aktualtäten-Kinos noch, deren Programm nonstop rund um die Uhr lief. Eine ideale Zeitüberbrückung, wenn man zu früh dran war oder ein Zug Verspätung hatte. Jedenfalls zeigte "Fox tönende Wochenschau" einen alten Mann, der an einer stramm stehenden Reihe von Jungs vorbei ging und den einen oder anderen im Gesicht tätschelte. Irgendwas muss ich so laut gesagt haben, dass aus den dunklen Reihen Stimmen laut wurden. Meinem Vater war das offenbar so peinlich, dass er mich aus dem Kino zog.
2004 fiel mir wieder ein, was ich damals wohl gesagt hatte, als ich den unvergleichlichen Bruno Ganz genau in dieser perfekt nachgespielten Szene des Films "Der Untergang" erlebte: "Muss der Mann da bald sterben -Pappi?"
Jetzt lebe ich schon so viel länger als Adolf Hitler, habe mit so vielen Texten, Bildern, Dokumentationen und Filmen mein Wissen über den anscheinend immer wieder nicht nur aufkeimenden Despotismus erweitert und begreife - wie damals als kleiner Junge - immer noch nichts.
Ist der Aufstieg solcher Menschen aus intakten Demokratien tatsächlich derart unvermeidlich, dass nur eine naive Betrachtungsweise sie entlarven kann?
Am Wochenende
zelebrierte sich Vlad Putin, Kriegsherr und "Zar aller Reussen von eigenen Gnaden" vor dem Rest der ihn noch fürchtenden Nationen auf dem Sankt Petersburger Wirtschaftsgipfel.Das allein wäre ja schon im Panorama der ausgedehnten Sanktionen wegen seines Kriegs gegen die Ukraine skurril genug gewesen. Aber als schlösse sich gemäß der asiatischen Philosophie nun langsam Putins Lebenskreis, ließ die Ukraine auf die Stadt seiner Geburt und seines politischen Aufstiegs Drohnen und Raketen regnen. Rauchsäulen stiegen auf, wo doch überlegene Weltmacht demonstriert werden sollte.
Ich bin ja weder Analytiker noch Psychologe, aber auf jedem Video-schnipsel und egal in welcher selbstsicheren Pose sah ich danach einen Mann, der ahnt, dass ihn Ort und Zeitpunkt des Angriffs in doppelter Hinsicht getroffen haben. Er musste sogar davon ausgehen, dass seine illustren Gäste genüsslich dabei zusahen, wie ihm Pose um noch peinlichere Pose Zacken aus der Krone brachen. Er stand trotz Pomp gewissermaßen ohne Kleider da...
Waren das Zeichen, die den Rest der Welt hoffnungsfroh stimmen sollten? - Ganz im Gegenteil! Die Geschichte lehrt uns auch da, dass das wutgesteuerte, verletzte Ego eines kleinen, machtgeilen Mannes das Leben gerne bis zum Untergang ausreizt...
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