Dienstag, 16. Januar 2024

Irgendwie in Iowa

 Dass Donald Trump bei der Kandidaten-Kür der US-Republikaner zur Präsidentschaftswahl am 5. November diesen Jahres gleich einen Erdrutsch-Sieg errungen und andere Bewerber seine hörigen Partei um das höchste Amt weit abgehängt hat, lässt befürchten, dass die Welt sich auf eine Eiszeit der Demokratie einstellen muss. Derart konnte bezeichnender Weise die Vorwahl in Iowa gar nicht unter extremeren Bedingungen vonstatten gehen: Temperaturen von mehr als minus 20 Grad und regelrechte "Whiteouts" erschwerten den Gang zur Abstimmung.

Als ich das gestern in den einschlägigen Foren las, beschlich mich ein ungutes Gefühl, das bereits vor längerer Zeit durch zwei Filme in mir ausgelöst wurde: Lasse Hallströms "Gilbert Grape - irgendwo in Iowa" 1993 und "Fargo - blutiger Schnee" der kongenialen Coen-Brüder, der in North Dakota spielt. Beide Bundesstaaten haben zusammen beinahe die Fläche Deutschlands, aber insgesamt nicht mehr Einwohner als Berlin.
Quelle: Academy Awards
Mit vier Oscars eine der 
meist geehrten Schauspielerinnen.
Ihren ersten erhielt sie
für die Hauptrolle
als hoch schwangere
Polizistin  in
"Fargo - blutiger Schnee":
Frances McDormand
Lakonischer, ja trostloser, jedoch nie treffender fiktiv dargestellt wurden die Leute und das Leben in diesen dauerhaft von Republikanern regierten, meist aber abgehängten Bundesstaaten! 
Quelle: amazon
Die Startrampe für zwei
oft ausgezeichnete
Kino-Stars Johnny Depp
und Leodnardo DiCaprio

 Die beiden von schwarzem Humor dramatisch geprägten "Thriller-Komödien" berichten aber auch von der provinziellen Gefangenschaft ihrer Protagonisten, die eben nichts anderes kennen. aber anscheinend gerade deshalb daraus die Heimatverbundenheit und ihren unerschütterlichen  Patriotismus generieren. Sie sind Stand heute die typischen Trump-Wähler in Bundesstaaten mit fast 90 Prozent weißer Bevölkerung. Lohnt sich vor dem aktuellen Hintergrund  der Vorwahlen in North Dakota am 4. März immer wieder diese Meisterwerke des Kintopp anzuschauen...


Sonntag, 14. Januar 2024

Schreck-Gespenst Re-Migration

 Da denkt also eine demokratisch gewählte Partei mit ihren "Kostgängern" im Geheimen darüber nach, alle Migranten und solche mit Migrationshintergrund organisiert aus Deutschland zu vertreiben...
Klar, dass da sofort über ein Verbot nachgedacht wird. Aber kann man eine Partei, die in diesem Wahljahr droht, zur zweitstärksten politischen Kraft in unserem Land zu werden, so einfach verbieten?

Quelle: WDR
Hat da in einem Berliner Hotel eine zweite "Wannsee-Konferenz" stattgefunden?

Wer die aktuelle Situation im Nachbarland Polen genau beobachtet, der kommt nicht umhin, festzustellen, dass der faschistische Populismus längst demokratische Hebel benützt, um mittelfristig an der Macht zu bleiben, wenn der Rausch der ersten Begeisterung für ihn erst einmal verflogen ist. Wir in Deutschland sind da auch schon viel zu spät dran. Wenn sich eine Geistes-Gruppierung derart konkret mit der Vertreibung eines Teils unserer Bevölkerung auseinandersetzt, dann erinnert das nicht nur an die Vorbereitung des Holokaust, sondern beschwört auch herauf, dass da bald Prügeltruppen aufgestellt werden, um die Ungeliebten einzuschüchtern und sie aus ihrer "Komfortzone" zu zwingen:

Quelle: Augsburger Allgemeine
Was macht denen oder was hat denen solche Angst gemacht? Es wäre zu einfach, den Querdenkern, Verschwörungstheoretikern und Fremdenhassern eine Verblendung durch die einschlägigen Medien zu unterstellen. Zum einen ist die Urangst vor dem Fremden aus natürlichen Gründen viel zu tief in  deren Hirnen verwurzelt, und zum anderen hat uns die Geschichte der Menschheit gelehrt, dass dem "Fußvolk" nur wenige Impulse genügen, um los zu stürmen. Eine der wichtigsten Stimulanzien dabei ist die Behauptung, jemand sei abgehängt oder bei den Segnungen des Staates zu kurz gekommen.

Dass das Heer der Unterprivilegierte besonders wächst, weil reiche Cliquen sie ausbeutend am Boden halten, wäre leicht durch die positiven Veränderungen in der Zusammensetzung unserer Gesellschaft zu widerlegen. Denn vor allen in den Dienstleistungen würde ja ohne die Zuwanderung schon lange nichts mehr funktionieren.
Aber wieso schaffen es denn die Migranten, dass Überfremdung scheinbar so präsent ist? Weil es immer mehr gibt, die hierher gekommen sind und die Chancen, die ihnen in Deutschland geboten werden, mit Fleiß und Beharrlichkeit in sichtbare Erfolge ummünzen.

Quelle: deutschland.de
Ugur Sahin und Özlem Türeci:
Ohne ihren Impfstoff wäre Korona
wie die Pest gewesen
Es kommt einem fast zu leicht vor, da den Profi-Fußball als Beispiel zu nennen, aber es wäre ein Anfang. Der kennt nämlich schon lange keine Migrationsängste mehr, und wenn die bunt gewürfelte Nationalmannschaft aufläuft  - ob erfolgreich oder nicht - ist das zumindest eine Beleg für gelungene Integration. Denn sie spiegelt ja mittlerweile am deutlichsten die deutsche Migrationsgeschichte vergangener Jahrzehnte wieder.

Der offizielle DFB-Nationalmannschafts-Kader 2023
Moderator Mitri Sirin ZDF
Aber es ist auch eine Tatsache, dass Namen an der Spitze Deutscher Politik in Erscheinung treten, die aus diversen "Nachkriegs-Generationen" eindeutig auf die Herkunft ihrer Eltern verweisen. Auch Moderatoren, Journalisten und andere Medienschaffende mit Migrationshintergrund zeugen davon, dass Deutschland längst ein kultureller "Schmelztiegel" geworden ist. Wissenschaftler und Forscher, die ihre Wurzeln nicht hier hatten, aber hier reüssieren, machen uns als Nation stolz, wen sie international ausgezeichnet werden...

Quelle: WELT
Grüner Spitzendoppler: Omid Nouripour
hat sogar noch die Iranische Staatsbürgerschaft
Chakuntala Banergeee ZDF
Es gibt außer Integration keine Alternative für Deutschland. Wer das nicht versteht, darf eben nicht noch mehr Wählerstimmen generieren. Notfalls müssen die "Alt-Parteien" in einer konzertierten Aktion über ihren selbstsüchtigen Schatten springen!

Quelle: euronews.de
In einer Argumentation mit
ähnlicher Schieflage wie in diesem Bild
könnte man AfD-Spitzenmann
Timo Chrupalla von seinen Wurzeln
her auch für einen PIS-Agenten halten


Donnerstag, 11. Januar 2024

Staatstrauer

Foto: SZ
Was für Pele recht war, muss für Franz Beckenbauer billig sein: eine Art Staatsbegräbnis. Für beide Weltfußballer gilt, dass sie mit ihrer Ballbehandlung einen Kultstatus erreicht haben, der weit über das Fan-Volk hinaus reichte und deshalb so mancher Fehltritt verziehen wurde. Das wäre auch ein Stadium, das sich mancher Politiker oder Funktionär für das eigene Ansehen wünschte. Ist das ein Grund, weshalb sie dem am vergangenen Sonntag verstorbenen "Doppelweltmeister" mit offiziell ausgelegten Kondolenz-Büchern und einer Groß-Trauerfeier in der Allianz-Arena huldigen? Sollte Fußball nicht immer die "schönste Nebensache" der Welt bleiben? Aber in einem Super-Wahljahr wie 2024 ist die Verlockung eben besonders groß, sich von der Lichtgestalt - selbst wenn sie tot ist - einen gewissen Abglanz zu sichern. Doch bin ich der Einzige, der sich darüber aufregt, dass der Tod - wie auch bei Wolfgang Schäuble - immer wieder kollektives Vergessen zeitigt?

Da war im Bayrischen Fernsehen zu sehen, wie sich nach dem ständig kamerapräsenten Ministerpräsidenten Markus Söder auch die mit Tränen kämpfenden "Bayern-Granden" (Zitat SZ) in staatsmännischer Kondolenz übten. Unter ihnen der verurteilte Steuersünder, Knasti und WM-Mannschaftskamerad Uli Hoeneß.
Genau bei diesem Anblick hatte ich meinen Flashback: O tempora, o mores. Wie hat sich der Fußball doch verändert, seit ich 1974 als Berichterstatter und Ghostwriter von Kicker-Legende Fritz Walter beim Endspiel der Weltmeisterschaft im Münchner Olympiastadion saß. Rastlos war ich zuvor von Stadion zu Stadion gerast, hatte im InterCity die Sekretariate und das Personal genutzt, um meine Spielberichte und das, was "der Fritz" mir am Telefon auf Tonband kommentierte, auf dem Bahnsteig in München einem Verlagsboten für die Redaktion zu übergeben.

Dass ich überhaupt eine vierjährige Zeit als Fußballschreiber hatte, verdankte ich meinem journalistischen Ziehvater Karl-Heinz Huba, der als Herausgeber die Sportbücher des Copress-Verlags verantwortete.
Vom Ski-Schreiber
zum Fußball-Historiker:
Für die Porträts
verflossener Größen
reiste ich in diverse 
Bibliotheken und musste
exotische Pseudonyme
für mich erfinden

Wenn ich heute auf die Bücher schaue, an denen ich im Rausch der bevorstehenden WM im eigenen Land mitgewirkt habe, dann wird mir ein Phänomen klar: Je weiter du von einem Idol entfernt bist, je mehr du über es recherchieren und in den Archiven nachforschen musst,  desto größer die Empathie. Je intensiver du dich mit Idolen beschäftigst, desto mehr erkennst du, in welchen Zwickmühlen sie, die eigentlich in erster Linie gut Fußball spielen wollten, gerieten

Ich bin Beckenbauer - der als Weltmeister eigentlich permanent von einer Entourage von Höflingen begleitet wurde - nur dreimal persönlich abseits der Fußballplätze begegnet. Wobei die zweite Begegnung für mich eine zweifelhafte Veränderung mit sich brachte. Im Rahmen der Kitzbüheler Hahnenkamm-Skirennen wurde abends ein Promi-Tennisturnier veranstaltet. Je ein Journalist mit einem Sportstar als Doppel. Wir wurden gegen Beckenbauer und einen ORF-Reporter gelost. Eigenen Angaben zufolge hatte Beckenbauer damals erst kürzlich mal einen Tennisschläger in die Hand bekommen. Er strafte seine Aussage durch Sprungkraft statt Stellungsspiel und reaktionsschnelles Eingreifen am Netz Lügen. Geschickt von seinem Partner eigesetzt, hatten wir keine Chance. Dabei war er da bereits in seinem ersten Jahr bei "Cosmos New York", was viele despektierlich als seinen "Austrag" bezeichnet hatten.
Damit der Kaiser auch bei Interviews unmittelbar nach dem Spiel proper aussah, hatten ihm die Cosmos-Leute eine Dauerwelle verpassen lassen. Als der Franz nach dem Duschen meine nass herunter hängenden Schnittlauch-Strähnen betrachtete, meinte er nur: "Das täte dir auch passen. Schau, nur mit dem Handtuch rubbeln, kein Föhnen mehr - fertig."

Wer lehnt schon einen Mode-Tipp von seiner Majestät ab, auch wenn er dann aussieht wie ein Riesen-Schaf!
Unsere dritte Begegnung fand übrigens während eines Charity-Turniers auf einem Golfplatz statt. Und es ist keine üble Nachrede, wenn ich konstatiere, dass der Kampf mit dem kleinen Ball aus dem stets höflichen und freundlich jovialen Idol einen wutschnaubenden Berserker machte... RIP Franz!

Dienstag, 9. Januar 2024

Vom Überschreiten von Grenzen

Verglichen mit großen Flüssen dieser Welt ist der Rubicone, der bei Rimini in die Adria fließt, eine Pinkelrinne. Dass sein Durchqueren zum Begriff für das Überschreiten von Grenzen wurde, den sogar ein früherer Kurzzeit-Bundespräsident bei einem lächerlichen Streit mit der BILD-Zeitung verwendete, verdankt er dem Römer Gaius Julius Cäsar. Der Feldherr überschritt den Rubikon - damals noch Grenzfluss zur Hauptprovinz - am 10. Januar 49 v. Chr. mit seinen Truppen gegen den ausdrücklichen Erlass des Römischen Senats, seine Streitmacht aufzulösen und eroberte Herrschaftsbereiche aufzugeben. Es war der Beginn des Römischen Bürgerkrieges, den der spätere Imperator angeblich mit dem immer wieder hartnäckig falsch übersetzten Zitat des Griechischen Sprichworts „ἀνερρίφθω κύβος“ kommentierte: "Hochgeworfen sei der Würfel". Daraus wurde lateinisch "Der Würfel ist gefallen" - alea jacta est! Das Sinngemäße, es gäbe für sein Tun kein zurück mehr, wird natürlich durch den Würfel, der noch zum Fallen unterwegs ist, viel besser getroffen. 

Der Rest ist eben Geschichte, zu der der dünnhäutige und gern selbstverliebte Christian Wulff in seiner zweijährigen Präsidentschaft nicht allzu viel beigetragen hat. Von seiner Bedeutung als Staatsmann war er dann wohl doch eher ein "Flüsschen".

Quelle: BSZ
Wenn Grenzüberschreitungen nämlich von Dauerhaftigkeit geprägt sein sollen, müssen sie schon eher rücksichtslos sein wie Putins sich in die Länge ziehende "Spetsial'naya operatsiya" gegen die Ukraine. Aber je länger sie dauern, also je länger der Würfel im Fallen unterwegs ist, desto schwerer wird das Zurück vom Handeln. Daran sollten gerade in dieser Woche die Blockade-Bauern und die GDL-Gangster denken.  Sie stellen sich in prekären Zeiten mit ihrem Handeln außerhalb einer Gesellschaft, zu der sie ja selbst auch gehören. Was, wenn die ihnen auch einmal die Solidarität derart massiv verweigerte?

Sonntag, 7. Januar 2024

Bauern-Aufstand


Denkmal in Kochel am See
Quelle: Wikipedia

Dies ist die erste Strophe des Mundartgedichts von Karl Stieler.
Sogar vertont gehörte sein "Schmied von Kochel" in den 1950ern
in den Lehrplan der vierten Klasse (damals noch) Volksschule.
Bezeichnender Weise gibt es keinen verbrieften Existenz-Nachweis
zu diesem oberbayrischen Volkshelden der sich so hartnäckig
als "wahre Legende" zur Sendlinger Mordweihnacht von 1705
in den volkstümlich gestimmten Herzen festgesetzt hat.
Ich war nach dem Umzug im Münchner Schulsystem
ein Spätopfer jener "Bayrischen Volkserhebung 1705/06".
Damit der "Zuagroaste", der wegen zu schnellen Sprechens auch schon
mal nachsitzen musste, sich akklimatisiert, hatte er zur
Belustigung der Klasse obige Strophe mundartlich bemüht, vorzutragen...


Als erklärtes Kind der Großstadt hatte ich weder in meinem Geburtsort Hamburg noch in meiner "Lebensstadt" München besonderen Kontakt zu Bauern. Ich musste erst mit 50 auf den ligurischen Burgberg ziehen, um annähernd zu verstehen, welch harter Broterwerb die Landwirtschaft sein kann.

Aber wenn ich mich an die beinahe an jedem Sommer-Wochenende in den 1950ern stattfindenden Fahrten über Land an die Ostsee erinnere, dann habe ich viele sehr geschwind prosperierende, ländliche Anwesen in Erinnerung. Mit denen konnte die mühselige Sanierung der Bombenschäden in Hamburg lange nicht mithalten.
Kanzler Konrad Adenauer und Wirtschaftswundermann Ludwig Ehrhard wussten schon, was sie an ihrer ländlichen Stammwählerschaft hatten und schufen eigens für sie den "Grünen Plan". Es wurde nahezu jeder Zweig der Agrarproduktion subventioniert. So entstanden aber auch die Butter-Berge und Milch-Meere. Ganz abgesehen davon, dass die einseitigen Maßnahmen zur Flurbereinigung später ökologische Langzeit-Probleme nach sich zogen. Hauptsache die Landwirte waren es zufrieden. Bis zum Jahre 2021/22 wuchsen die Subventionen für jeden Landwirtschaftlichen Betrieb auf durchschnittlich 48.000 Euro pro Jahr.

Ein altes Sprichwort fordert: Gibt man Dir, so nimm. Nimmt man Dir - so schrei!
Genau das tun die aufgebrachten Bauern nach den Kürzungsbeschlüssen der Ampel mit den Sternfahrten auf ihren gerade noch viel subventionierten Diesel schluckenden Treckern. Das ist natürlich ihr gutes Recht, aber wirft eben auch ein schlechtes Licht auf das Verhältnis der Landwirte und -Wirtinnen zur Solidarität mit dem Rest der Bevölkerung. Der muss die überproportional inflationären Preise für Agrarprodukte wehrlos verdauen,,,
Sparen sollen doch allein die Verbraucher, schließlich verstehen sich die Bauern zudem als die unverzichtbaren Versorger-Elite der Nation.

Quelle: Planet Wissen
Darstellung vom Deutschen Bauernkrieg
Historisch waren Bauern schon streitbar, als ihre Revolten noch nieder gemetzelt oder nach deren Scheitern mit dem Tode bestraft wurden - wie weiland bei der oben zitierten Sendlinger Mordweihnacht 1705 oder beim Deutschen Bauernkrieg von 1525 bis 1526. Um nur zwei von vielen Bespielen zu nennen, bei denen es jedoch tatsächlich um Beendigung von Fron oder ungerechten Besteuerungen ging. Aber die aktuell dringend erforderlichen Sparmaßnahmen betreffen eben alle Deutschen und sind ja auch nicht allein der Bundesregierung geschuldet. Immerhin wird die durchschnittliche Subvention für die Agrarier nach den Kürzungen immer noch bei bis zu 40.000 Euro liegen - zurückgenommene Kürzungen noch gar nicht wieder hinzu gerechnet.

Quelle: WELT
Woher wusste der Mob von der Fährfahrt Robert Habecks?
Aber wer als Mob zusammen gerottet einen Bundesminister einschüchtert und ihn an der Heimkehr aus dem Urlaub hindert, offenbart einmal mehr den alten bäuerlichen Geist der Gewalt. Das Duo Söder Aiwanger mag da mit klammheimlicher Freude seine Kassandra-Klage von deer Instrumentalisierung der Bauern anstimmen. So  schnell ist der Eindruck nicht fort zu reden, da sei von weit rechts außen der Shitstorm über gewisse "Social Media" gesteuert worden...

Donnerstag, 4. Januar 2024

Was machen wir nur mit dem Wasser?

 Während in unserer Glasfront der Starkwind wahre Orgel-Konzerte intoniert, warten wir spätromantisch auf den immer wieder angekündigten Schneefall.  So wie er zu Beginn des vergangenen Dezembers die Großstadt verzaubert hat. War allerdings innerhalb weniger Tage für die Räumfahrzeuge vielleicht doch etwas viel gewesen. Aber dann wieder mal - wie üblich - gar kein Schnee zu den Feiertagen. Das ist schon frustrierend.

Quelle: Augsburger Allgemeine


Dabei ist das Wetter in diesen Tagen doch sonst ein so spannendes und dramatisches Dauerthema: Monsterwellen von bis zu zehn Metern Höhe an den europäischen Westküsten. Über 40 Grad minus in Schweden,  gleichzeitig 30 Grad plus in Spanien, und dann lassen Dauer- und Starkregen bei uns kleinste Flüsse monströs anschwellen, Deiche unterspülen und ganze Landstriche landunter gehen.

Ein Nord-Süd-Gefälle gibt es auch beim Süßwasser
Es ist klar, dass die schwächelnde Regierung der Ampel auch dafür gleich wieder ihr Fett weg bekommt. Sie täte nach der Katastrophe im Ahrtal einfach zu wenig für den Hochwasser-Schutz. Aber ganz abgesehen davon, dass Maßnahmen der Wasserwirtschaft langwierig angegangen werden müssen, sind die Probleme mit dem Wasser meist kommunal und  hausgemacht - wie der europaweite Trinkwasser-Mangel in den beiden vergangenen Trocken-Sommern. Nicht alles ist nämlich allein Schuld des Klimawandels, sondern deckt ökologisches Versagen und achtlosen Umgang mit unserem kostbaren Nass auf.

Laut UNESCO möchten 70 Prozent der Erdenbürger unmittelbar am Wasser - also an Küsten, Flussufern oder Seen  wohnen oder siedeln. 2,2 Milliarden leben in absoluten Trockenzonen und bald eine Milliarde hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Zudem ist das Wasser  derart ungerecht verteilt, dass im dünn besiedelten Norden der Erdhalbkugel ausgerechnet eine Vielzahl an Seen und Flüssen in absoluter Wildnis zu finden sind.

Quelle: SWR 3
Manches an der Ahrtal-Flutkatstrophe wirkt im Nachhinein fast
wie eine Provokation der Elemente
Im engen und dicht besiedelten Ahrtal hätten hingegen viele Baugenehmigungen im Hinblick auf potenzielle Hochwasser-Situationen nicht erteilt werden dürfen.

In den hoch zivilisierten Industrie-Nationen ist es die radikale Bodenversiegelung durch Großbau-Projekte in Megacitys, die dem Wasser seinen der spezifischen Physik geschuldeten  Weg abgraben.

Ein Beispiel, dass einmal aus Unwissenheit im wuchernden Wirtschaftswachstum begangene wasserwirtschaftliche Verbrechen und Ökosünden am Leben spendenden Nass immer noch radikal neutralisiert werden können, ist die Stadt Chicago:  Überreichlich mit Wasser ausgestattet nahm man auf die Gewässer rundherum im industriellen Bauboom des 20. Jahrhunderts keinerlei Rücksicht. Dann siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Chicago_River die totale Umkehr.

Quelle: Wikipedia

Wenn die Welt Wasser erst einmal richtig zu wertschätzen lernt, ist ähnlich wie beim Klima noch eine Menge drin. Was wir mit dem Wasser machen, wird unsere Zukunft mehr bestimmen als alle anderen Maßnahmen. um zu überleben. Ganz sicher hat das gemessen am heutigen Standard einen exorbitanten Preis, der sogar künftige Energie-Kosten in den Schatten stellen wird. Damit der aber letztlich kontrollierbar bleibt, muss sofort Schluss sein mit dem Verkauf von öffentlichen Wasserrechten an die Privatwirtschaft. Die Qualitätssicherung muss - egal was sie kostet - ganz oben auf der Prioritäten-Liste stehen, und es müssen längst angedachte Ideen aus den Planungsschubladen geholt werden.

Quelle: dreamstime
Beispiel: Vor mehr als drei Jahrzehnten habe ich in einer Diskussionsrunde von den Grünen den Vorschlag gehört, man möchte doch prüfen, ob die Kreisläufe von Trink- und Brauchwasser nicht generell getrennt werden sollten. Noch immer spülen wir beispielweise Milliarden Hektoliter an wertvollem Trinkwasser in unseren Klos herunter oder waschen Autos privat am Wochenende mit einer Wassermenge, die eine Familie in der Sahelzone mühsam einen Monat lang über weite Wege heran schleppen muss...



Dienstag, 2. Januar 2024

...Allein mir fehlt der Glaube


Faust:
Was sucht ihr, mächtig und gelind,
Ihr Himmelstöne mich am Staube?
Klingt dort umher, wo weiche Menschen sind.

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Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube

Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.
Zu jenen Sphären wag’ ich nicht zu streben, 


Quelle: FAZ

Goethe im Deutschunterricht zu lesen und dann gar interpretieren zu müssen, war für mich eine schreckliche Qual. An Bayrischen Gymnasien war der Faust ja bis 2016 als Pflichtlektüre unumgänglich. Aber ein paar Jahre bevor ich mich erstmals mit ihm auseinandersetzen musste, war der Faust 1960 grandios mit Gründgens als Mephisto verfilmt worden. Und so sah ich mir - statt zu lesen - den Film sehr intensiv im Fernsehen an und studierte die Kritiken von unseren Kultur-Gurus dazu. Daraus - unterst
ützt von Gründgens diabolischer Mimik - zimmerte ich mir meine als Referat zu haltende Interpretation und erhielt so - meiner Erinnerung nach - die einzig vorzeigbare Note, die ich jemals im Fach Deutsch bekam.

 
Ja, die Erinnerung! Tatsächlich ist mir vom Faust nur das verkürzte Zitat als Überschrift zu diesem Blog im Gedächtnis haften geblieben. Schuld daran war aber später auch der kongeniale Klaus Maria Brandauer, der in den beiden Mephisto-Filmen von 1981 und 2000 zweimal unter der meisterhaften Regie von Istvan Szabo derart penetrant schauspielerische Repliken von der verkappten Gründgens-Karriere im Gunst-Kreis der Nazis mimte, dass einem der Komplex "Kultur und Politik" selbst heute noch aufstößt wie Teufelsgebräu. 
 
Beide Bilder: kino.de
Dass mit zunehmenden Lebensjahren die Bandbreite für Interpretationen wächst, bemerke ich jetzt gerade beim Texten. Faust antwortet ja im obigen Vers auf die "Chöre der Weiber und Engel", die ihn an seine Verletzlichkeit und die Vorsehung erinnern. Aber als Mann der Wissenschaft spricht aus ihm eben auch der Agnostiker.

Leider fehlte mir das komplexe Denken, das Goethe da genial im moralischen Stickrahmen seiner Zeit verwoben hat: Etwa "Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind." Dennoch setzt er seinen Protagonisten den listigen Versuchungen des gefallenen Engels Mephisto aus. Damit macht er klar, dass  sich der Konflikt - trotz der  "leibhaftigen Darstellung" des Leibhaftigen  - allein im Gehirn von Faust abspielt, Gut und Böse schlummern im Wesen eines jeden Menschen:  Daher "Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust1"

Das war gut gedichtet, lieber Goethe! Aber es ist nur eine Teil-Antwort auf einen inneren Konflikt der mich im vergangenen Jahr immer wieder heim gesucht hat. Da habe ich  - der verbriefte Agnostiker - bei diversen Situationen gebetet, weil ich mir zum Beispiel Sorgen darüber gemacht habe, wie gläubige Moslems in Nahost bei dem verheerenden Erdbeben weiter an ihren Allah glauben können, während auch wenig später Fanatiker des selben Glaubens in der Nachbarschaft kriegerisches Blutvergießen provozieren und der IS sich in Syrien weiter austoben darf. Aber auch, dass Orthodoxe Christen seit bald zwei Jahren auf beiden Seiten der Front dieses perfiden Krieges gegen die Ukraine ihren Glauben an Gott immer noch nicht verloren haben. Oder weshalb in Fernost - nur weil es der neuen Staatsraison gefällt - sich Buddhisten trotz ihrer ach so betonten Friedefertigkeit innerhalb einer Nation immer wieder gegenseitig abschlachten. 

Wer erhört denn all deren Gebete? Und zu wem bete ich alter Trottel, wenn ich an die Existenz "höherer Wesen und ihre Verehrung" nicht glaube? (Immer noch eine der besten literarischen Satiren des sehr gläubigen Katholiken Heinrich Böll:  "Dr. Murkes gesammeltes Schweigen").
Meine Gebete sind wohl mit dem "Goethischen Denkmodell" aus Faust auch nicht zu erklären. Denn mein Beten ist ja nicht zielgerichtet, sondern Ausdruck von Angst und Hilflosigkeit gegenüber Zuständen, die andere herbei führen und die ich deshalb allein durch Flehen sowieso nicht mehr ändern kann. 

Ja, mir fehlt zu meinen Gebeten der Glaube, aber ich bin wohl angesichts der stetig waschsenden Zahl von Kirchenaustritten in unserem Land zumindest nicht allein...