Mittwoch, 25. November 2020

Wenn impulsiv zu explosiv wird

 Rentner wie ich einer bin, haben es leicht, zuhause zu bleiben. Abgesehen davon, dass die Radien im Alter ohnehin enger werden, können wir ja auch Impulsen nicht mehr wie einst im aktiven Leben spontan folgen. Zwar werden wir gerade jetzt virologisch als Risikogruppe eingestuft, aber das liegt ja nicht daran, dass wir von Kneipe zu Kneipe hetzen oder uns ohne Party zu machen, einfach nicht lebendig fühlen.

Natürlich hocken jetzt einige von uns mehr vor der Glotze als noch vor Corona oder haben sich gar zum Computer-Nerd zurück entwickelt. Das macht uns eindeutig empfänglicher für sich wiederholende Botschaften in den Medien. Aber deshalb ohne Maske protestierend auf die Straße zu gehen?

Mich überraschen die aus der amerikanischen TV-Praxis entlehnten "Originaltöne von Straßeninterviews", die sich immer häufiger zwischen die Fakten der Nachrichten-Sendungen oder Dokumentationen drängen. Da pöbeln Leute meines Alters, die es eigentlich von ihren Lebenslinien her besser wissen müssten in die Mikrofone und vermitteln so den Eindruck, als seien sie ein Teil dieses manipulierten Ganzen. Dabei haben sie mit der Gewalt, in der sie dahin wogen, doch eher nichts zu tun. Aber sie sind eindeutig Reaktionsbeschleuniger.

Rentner als Staffage

Klar kann jemand mit widersprüchlichen Shutdowns, Masken-Verordnungen und willkürlichen Versammlungsverboten nicht einverstanden sein. Aber durch Mitlaufen Radikalen Schutz im Schwarm zu geben und deren Umsturz-Phantasien zu befeuern, ist fatal. Da wird impulsiv leicht zu explosiv.

Die täglichen Fallzahlen und Sterberaten verraten ja nicht, ob da auch Querdenker, Impfgegner oder Masken-Verweigerer betroffen waren. Aber immerhin wäre es doch interessant zu wissen, wie sich Zugehörige jener Gruppen für den Fall verhalten, wenn sie selbst ernsthaft mit Covid-19 infiziert wurden. Ist dann wieder der Staat schuld, wenn zu wenig Intensiv-Betten bereit stehen?

Montag, 23. November 2020

Harte Weihnacht?

Jeder profiliert sich auf seine Weise - der eine laut der andere leise: Seit Armin Laschet ahnt, dass er in der K-Frage wohl auf einem abgeschlagenen vierten Platz landen könnte, gibt der ansonsten eher weichlich anmutende Ministerpräsident von NRW den harten Burschen. Vergessen sein Herumeiern im Kampf gegen Covid-19! Nun macht er einen  auf Nostradamus, indem er "die härtesten Weihnachten" prophezeit, die "die Nachkriegsgenerationen je erlebt haben".

Weissagungen des Nostralaschet:
So hart wird Weihnachten 2020! Da
tanzen die Skelette auf dem Gabentisch

Was treibt den Mann, so etwas zu sagen? Er ist gerade mal 59, 1961 mitten im Wirtschaftswunder geboren. Die Nachkriegsjahre hat er doch gar nicht erlebt, sondern nur die Weihnachten, die im Kaufrausch und einem Übermaß an Genuss immer mehr zum dem bunten Rummel wurden, den  die Christkindl-Märkte noch derart überkitscht befeuern. Dabei ist dem Advent jegliche Ruhe abhanden gekommen. In Bezug auf  den reinen Geist der Weihnacht stünde doch einem Christlichsozialen eher die Lobpreisung der Einfachheit zu Gesicht.

Er hätte sagen können: Liebe Mitbürger nutzt diese Corona-Weihnacht im kleinen Kreis zur Rückbesinnung auf die wahren Werte der Botschaft. Aber als Politiker geht es ihm vermutlich mehr um die Warenwerte. Klar, auf manchen Geschäftszweigen brennen heuer im sogenannten Weihnachtsgeschäft keine hellen Kerzen. Es wird Pleiten geben, weil die Ausgleichszahlungen des Staates nicht bei allen rechtzeitig ankommen. Vor allem nicht bei den Branchen, die nur eine schwache Lobby haben,..

Ich wage es kaum als Pazifist, in diesen Zeiten Heraklit zu  zitieren, der bekanntlich den "Krieg als Vater aller Dinge" sah. Aber sollte die Menschheit im Krieg gegen das Virus obsiegen, jedoch keine nachhaltigen Lehren daraus gewinnen, wäre sie ohnehin nicht mehr zu retten.

Meine Mutter war ein veritabler Genuss-Mensch. Sie bereitete uns unter jedem Aspekt ein üppiges Weihnachten. Aber wenn man sie nach ihren schönsten Weihnachten befragte, nannte sie ohne nachzudenken, die Zeit vom letzten Kriegsjahr bis zur Währungsreform. Es gab nichts an Weihnachten als das Zusammenrücken der Familie und die Freude über einen echten Kaffee mit Schmalzbroten und selbst gebackenen Keksen...

Gestern hatte mein Sohn Geburtstag, und die Rest-Familie musste ihn gemäß der Zweihaushalte-Regel nacheinander besuchen, um ihm persönlich gratulieren zu dürfen. Er nähme es sehr genau, gab er zu Bedenken und meinte dann, wenn nur alle sich an die einfachen Regeln der Vernunft hielten, gäbe es diesen  obskuren Regel-Wirrwarr nicht.

Freitag, 20. November 2020

Hauptstadt der Abwärts-Bewegung

Berlin paradox! Was hat diese Stadt nur für ein Omen? Vor 101 Jahren das Ende des Kaiserreiches und der nur kurze Aufbruch in eine wilde Phase der Demokratie!  Der Kriegsbeginn ist 81 Jahre her. 71 Jahre nachdem die eingekesselte Stadt nur noch durch die Luftbrücke der Alliierten überlebte, "schaut die Welt" wieder mal besorgt "auf diese Stadt" (Ernst Reuter siehe Bild).

Ernst Reuter 1889-1953,
Erster gewählter Berliner
Bürgermeister nach
dem Krieg hielt 1948
die historische Rede
gegen Stalins Blockade

Vor 31 Jahren schlugen  die befreiten Bürger der untergegangen DDR die ersten Stücke aus der Mauer. Wohl alles vergessen! Vorgestern dann das: 21 Jahre nachdem der Bundestag in das umgestaltete ehemalige Reichstagsgebäude einzog, drangen wieder pöbelnde Anti-Demokraten in unser Parlament. Begleitet von verbotener Weise im Plenum von AfD-Abgeordneten ausgerollten Protest-Bannern gegen die Verabschiedung des Infektionsschutz-Gesetzes.

Hitler nannte das Parlament eine "Quatschbude". Seine  Epigonen im Geiste entehrten es vorgestern wieder einmal, indem sie sich mit Besucher-Ausweisen demonstrierend Zugang zum Gebäude verschafften und in die Arbeitsräume von Parlamentariern einbrachen. Die Saht der QAnon scheint immer heftiger zu keimen. Die sogenannten "Querdenker" attackierten aber nicht nur Abgeordnete sondern auch Finanzminister Peter Altmaier. Unverhohlen war das ein strafbarer Angriff auf unsere Demokratie!

Altmaier versucht sachlich zu bleiben,
während die Demonstrantin ihre Tirade auch noch filmt
Quelle: instagram
https://www.n-tv.de/mediathek/videos/politik/Von-AfD-eingeschleuste-Demonstrantin-bedraengt-Altmaier-article22178654.html




Was von den Verschwörungstheoretikern in unserem Land als "Ermächtigungsgesetz" verunglimpft wurde, war dabei aber doch eigentlich im Sinne ihrer Klagen gegen die Bevormundung des Bürgers durch den Staat bei den bereits ergriffenen Maßnahmen und Verordnungen gzum Schutz vor Covid-19. Die waren nämlich bislang ohne Gesetzes-Grundlage gewesen. Ein Umstand, der durch die in Eile gebotene Verabschiedung nicht nur behoben wurde, sondern auch Alleingänge des Kabinetts und der Länderchefs ohne parlamentarische Zustimmung erschwert.

Jetzt werdet ihr - liebe Leserinnen und Leser - ja sagen, dass ihr das ja alles schon gelesen habt. Ich verstehe mich aber eben in meinen Blogs auch als persönlicher Chronist gegen mein Vergessen. - Also wartet mal ab, wie das aufgearbeitet wird! Lediglich, dass sich der Ältesten-Rat mit den Vorfällen beschäftigt hat. wurde berichtet.  Der  aber hat keine strafrechtliche Kompetenz. Da müsste, um etwas nachhaltig zu bewirken, schon eher  die Generalstaatsanwaltschaft zügig Anklage wegen Nötigung und unzulässige und damit strafbare Einflussnahme auf Staatsorgane erheben.

In der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933
brannte der Reichstag in Berlin.
CD-paint-Collage
Haltet mich nicht für eine Art Cassandra, aber die Mechanik dieser Zerstörungen von einst stabilen Demokratien weltweit ist gerade jetzt historisch immanent:

Erst wird verunglimpft, dann wird im Plenum gepöbelt oder gar geprügelt, und wenn die anders denkenden Parlamentarier dadurch auf Dauer noch nicht eingeschüchtert sind, brennt wieder mal ein Reichs(Bundes)tag...

Herr Gauland weint zwar Krokodilstränen wegen des "Vorfalls" - aber das waren seine Parteigenossen.


Wehret den Anfängen!



Mittwoch, 18. November 2020

Über das Herumeiern

Die meisten kennen das bestimmt. Du stolperst über etwas, was dich stört, aber aus irgendeinem Grund beseitigst du es nicht: Weil du gerade keine Lust hast? Weil du etwas Wichtigeres zu erledigen hast? Ausreden gibt es immer genug, sich nicht doch endlich ans Werk zu machen. Aber dann wären da noch die Faktoren Bequemlichkeit oder weil man sich einfach nicht auseinandersetzten möchte. Dieses Hadern ist übrigens nicht allein eine Frage des Alters. Diese Unlust entfalten bereits Kinder mit großer Nervigkeit...

So langsam begreife ich den Erfolg, den Donald Trump bei seinen Fans hat. Er erscheint ihnen als einer, der solches Zögern nicht kennt. Er walzt über alles hinweg, zündet überall Feuer an, damit andere sie löschen müssen, und die so angerichteten Schäden sind dann Fake-News. Ihn schert weder Moral noch Wahrheit, weil das etwas für "Loser" ist. Wählen den eigentlich auch Kriegsveteranen? Wo er doch auch gefallene Soldaten so bezeichnet.

Im Inneren wären viele seiner Zeit- und Gesinnungsgenossen wohl gerne wie er. Sie bewundern ihn dafür, dass er - wie sie ihn selbst noch kennen - keinen inneren Schweinhund hat, der ihn ausbremst. Was er aus seiner Perspektive nämlich für Recht und Ordnung ansieht, ist die Rücksichtslosigkeit, die möglicherweise in jedem Menschen schlummert.

Weil viele im Leben oft nur ohne Ziel herum eiern, erwacht durch Populismus immer wieder die Sehnsucht nach dem "starken Mann". Sie wollen einen Führer, der sie in eine Richtung führt - egal, ob das die richtige oder der Weg in den Untergang ist. Starke Typen, die sich dann mitten im Chaos, das sie angerichtet haben, in einen Bunker oder in einen zur Festung umfunktionierten Palast zurückziehen, um dann als letzten Ausweg den Suizid zu suchen, verzeichnet die Geschichte ja einige. Aber Donald Trump verschafft sich selbst im Niedergang einen Abgang der bislang einzigartig ist. Er verschanzt sich hinter frisch installierten Zäunen als Vernichter der Demokratie in einem Gebäude, das der Welt zeit seines Bestehens ein Symbol der Freiheit ist, dem "Weißen Haus".

Seine bis an die Zähne bewaffneten Fanatiker, Freischärler, die Fenians, die "Proud Boys" - und wie sie alle heißen - finden das natürlich heldenhaft und great, weil sie selbst davon träumen, im Scheitern "heroisch" genauso zu enden. Narzissmus. pathologische Selbstüberschätzung und Eitelkeit enden gerne in solch überhöhter  Dramatik.

Das Problem ist nur: Der Patient und Noch-Präsident hat bis zum regulären Ende seiner Amtszeit noch die Hand am "Buzzer": Zu einer Zeit, da die Welt unter den protzig ausgebreiteten Schwingen des "White headed Sea Eagle" mehr als ein halbes Dutzend Klein-Imperatoren generiert hat. Und er dachte sogar noch über einen Blitzkrieg gegen den Iran nach, wie die "New York Times" verlautete...

Und mittendrin unsere in vielen Schlachten erprobte "Mutti", die es umringt von politischen Jungspunden richten soll. Auf der Brücke des havarierenden Schiffes "Europa" soll sie - zeitlich gnadenlos begrenzt - einen Kurs setzen, der dem Herumeiern der EU ein Ende macht. Kann sie das (noch) schaffen?

Seit der hehere Wunsch nach einem geeinten Europa konkret geworden ist, waren die Schwächen dieses Konglomerates evident. Allerdings wurden als störend empfundene Stolpersteine nicht aus dem Weg geräumt, klare Rechen-Vorgaben nicht zu ende kalkuliert und allenthalben auf Machtworte verzichtet.

Das "Ei des Kolumbus" hat ja auch
nur funktioniert, weil es
hart gekocht war und es der Entdecker 
- der Legende nach - an der
Unterseite "gekickt" hatte
CD-paint-Collage

Jetzt ist die Zeit für Moderation abgelaufen. Was hat die Bundeskanzlerin noch zu verlieren? Sie ist die unbestrittene und konstante Führungskraft dieses Jahrhunderts. Sie kann das schaffen - gerade weil sie nicht mehr auf die Ewigkeit schielen muss. Wenn das vom Zerfall bedrohte Europa zwischen den quetschenden Machtblöcken der Welt nicht nur bestehen, sondern auch einen angemessenen Ton angeben will, muss es sofort in die Chirurgie geschickt werden. Und zwar ehe es im Schraubstock nationaler Interessen vom Keim des antirechtstaatlichen Populismus gefährlicher infiziert wird, als Covid-!9 dies vermag.

Klare, harte und gegebenen Falles schmerzhafte Schnitte müssen durchgeführt werden. Denn nach wie vor gibt es eben gegen machtgeile Populisten keinen wirkungsvollen Impfstoff...

Montag, 16. November 2020

Team-Spirit

 Den besten Eindruck von dem, was tatsächlich in einer Mannschaft steckt, erhält der Trainer, wenn diese mit dem Rücken zur Wand steh, eine Niederlage abwendet und sie sogar noch in einen Sieg verwandelt.

Keine Bange! Elf oder wieviel Freunde auch immer müsst ihr sein...  - So sentimental bin ich nach all den Jahren, die ich im Sport mit Teams zu tun hatte nicht mehr. Aber ich entdecke immer wieder Parallelen zu politischen Situationen, in denen der reine Kampfgeist nicht mehr hilft, sondern die, die am Spielfeldrand Verantwortung tragen, nur noch durch regide Maßnahmen den Bestand des Teams schützen können.

Im Profisport - wenn es auch noch um Bares für den Rest des Teams geht - ist das evident: Wenn ein rechter Verteidiger nur noch vom Glauben getrieben wird, und der Rechtsaußen fürs ständiges Faulspielen und Leistungsverweigerung auch noch bezahlt wird sowie obendrein für alte, längst vergangene Leistungen und Meriten immer mehr fordert, als er nun zu leisten bereit ist, braucht es harte Strafen.

Wenn eine Verbannung auf die Ersatzbank nicht hilft, müssen die beiden bei empfindlicher Einbuße von Zahlungen aus dem Kader gestrichen werden. Aber bei einer derartigen Renitenz und Uneinsichtigkeit sollten die, die sich nicht an die Regeln halten, besser sofort wieder auf den Transfer- Markt. Gerade jetzt gibt es ja einige, die solche Spieler in ein altes System einbinden wollen, in dem Team-Spirit gerne unterdrückt wird und Fairplay als falsche Taktik gilt.

Möge der noch Schlechtere verlieren:
Die Mean-Player Kaschinski und Orban
CD-paint-Collage
Übertragen auf das Team "Europäische Gemeinschaft", das zur fraglichen Bewältigung der Corona-Krise ohnehin schon beim ausgebremsten, gemeinsamen Finanzierungsplan mit dem Rücken an der Wand steht, muss deshalb endlich eine Regelverschärfung her. Allein die einfache Mehrheit der Mannschaftskameraden sollte dann entscheiden, ob Ungarn und Polen erst auf die Strafbank kommen oder gleich in die Relegation geschickt werden.

Der russische Team-Manager Putin holt sie sich doch mit Kusshand wieder in seine "Länder-Auswahl", oder sollte ich besser sagen "in den Kader zurück.



Freitag, 13. November 2020

Der Uhr-Mensch

 Bevor ich dem Neandertaler  in mir ein paar Zeilen widmen will, möchte ich zum besseren Verständnis zwei Zitate unterbringen:

Dr. Paul Bertololy
1892 - 1972
Quelle: Wikipedia
Der deutsche Landarzt und Schriftsteller Dr. Paul Bertololy meinte:
"Die Zeit ist eine Erfindung der Unrast, der Erfüllte kennt sie nicht."

Albert Einstein relativierte:
Zeit ist das, was wir von der Uhr ablesen.

Seit geraumer Zeit verbringen alles meine Uhren - seltene wie wertvolle - ihre Zeit im Bank-Safe. Wenn ich unbedingt wissen will, wie spät es ist, schaue ich auf mein Smart-Phone. Durch Zeitzonen reise ich ja schon lange nicht mehr. Deshalb ist auch meine Unrast verschwunden. Vielleicht fühle ich mich deshalb auch so erfüllt. Und Einstein muss ich in Bezug auf das Ablesen zumindest, was mich betrifft, widersprechen. Möglicher Weise installiert sich mit der Zunahme an Lebensjahren ein spezifisches Zeitgefühl, Altersgenossen berichten oft von ähnlichen Erfahrungen. Wahrscheinlicher ist aber, dass das Zeitgefühl zunehmend medikamentös stimuliert wird. Ich schlucke im Tagesverlauf  nach Zeitplan mittlerweile 14 Pillen und muss mir viermal diverses Insuline spritzen. Sicher kann man da mal was vergessen, aber tatsächlich erinnern mich erst die Sinne und dann mein Körper daran.

Das waren noch Zeiten, als der Kaiser Uhren verschenkte.
Die von mir bajuwarisch mit Charivari aufgehübschte
Gebr. Eppner-Uhr  meines Großvaters von 1896

Früher brauchte ich einen Wecker, um aus den Federn zu kommen, heute erinnern mich nachlassende Wirkungen. Deshalb ist die Umstellung von Sommer- auf Winterzeit für meine innere Uhr weniger ein Problem. Das jeweilige Gefühl meldet sich nach der tatsächlich Zeit gemessen nun pünktlich eine Stunde später. Im Sommer gehe ich gegen zwölf ins Bett im Winter erst um ein Uhr nachts. Habe ich mich beim Einstellen des Diabetes verrechnet, melden sich pünktlich vor dem Koma um zwei beziehungsweise dann um  drei Uhr nachts Symptome einer sich anbahnenden Unterzuckerung. Mit Abweichungen im Minutenbereich überrascht mich meine innere Uhr  immer wieder aufs neue. Hoffentlich macht sie das auch wenn mein letztes Stündlein schlägt...

Interessant ist auch, dass diese innere Uhr bei der "Fürsorglichsten Ehefrau von allen" genau um zwei Stunden anders tickt - also sie mit allem zwei Stunden früher dran ist als ich. Nur die nächtlichen Schlaf-Löcher füllen wir parallel mit kurzem Quatschen über unendlich Unsinniges.

So entspann sich in der Nacht zum vergangenen Montag folgender Dialog:

Die Fürsorglichste: "Mist! Ist schon wieder Montag"
Ich: "Worauf kommt es denn in unserem Leben noch an, welchen Wochentag wir haben?"
Sie: "Mich lässt eben das Montagsgefühl von früher immer noch nicht los!"

Gegen den Montag-Blues
hilft auch der Stärkste
Kaffee nur selten




Mittwoch, 11. November 2020

Mega! Bombe!

Habe das wirklich ich gestern ins telegram an meine Tochter getippt? Töchterchen hatte uns ein Stück Rinderfilet überlassen, dessen Reifungsprozess ihr suspekt vorkam. Es habe beim Öffnen so einen starken Blutgeruch gehabt, monierte sie. Am Abend dann hat die Fürsorglichste das Fleisch einfach abgewaschen und gründlich trocken getupft, kurz auf allen Seiten scharf angebraten, um es dann in abklingender Resttemperatur ruhen zu lassen. Das Fleisch schmeckte göttlich, ließ sich medium rear mit der Zunge am Gaumen zerdrücken und ging mit einem "Gröstl" aus in Würfel geschnittener Sellerieknolle, frischer Roter Beete und Kartoffel zu gleichen Teilen, angegossen mit einem Schuss Sahne als absoluter Gourmet-Schmaus durchs Ziel.

Aber musste ich deshalb wirklich schreiben, dass das Fleisch "Bombe" gewesen sei. Letztlich ertappte ich mich sogar dabei, wie ich Bekannten erzählte, dass ich etwas "mega" gefunden hätte. Verliere ich langsam meine stets behütete Sprach-Linie, um eine Art Generationen-Anpassung nachzuholen?

Meine Tochter ist bereits 40 und mein Sohn ist es bald. Da wäre es doch eher heischend, mich ihren Sprachgewohnheiten anpassen zu wollen... Als sich in ihrer Entourage unser damals sehr geräumiges Haus stets mit Heranwachsenden in Teamstärke füllte, war das Phänomen einer eigenen Jugendsprache noch nicht so markant. Die Kids stammten alle aus Familien und besuchten Schulen, wo noch sehr auf die Umgangssprache geachtet wurde. Allenfalls fanden außergewöhnliche amerikanische Redewendungen in ihre Alltagssprache, weil sie ja in diversen Bands ihre Songs ausschließlich in Englisch texteten. Hätte mein Sohn sein Linguistik-Studium abgeschlossen, könnte er mir bestimmt erklären, wieso kaum einer in dem jetzt mitten im Leben stehenden Freundeskreis auf seinen Taufnahmen hört.

Solche Namen wie Bente, Boba, Pand, Stoffel und so weiter kann ich noch von früher zuordnen, aber wer mit neuen "Pseudonymen" hinzukommt, ist nur noch durch Nachfrage zu identifizieren. Dabei sind deren Kinder alle noch so klein, dass man allenfalls mit Elementen einer Baby-Sprache rechnet. Das ist irgendwie awesome im Sinne von befremdlich!

Genau an dieser heute in jener Altersgruppe so beliebten Bekundung von Begeisterung kann ich aber den stetigen Wandel der Begrifflichkeit gut nachvollziehen. Als ich jung war, bedeutete awesome schlicht genial, heute reicht es von "Spitze!" bis "abgefahren" im Ernstfall ist es auch mit "fremdartig" oder "schrecklich" negativ belegt.

Droht uns bald eine Allerwelts-Sprache
wie in Bladerunner? 

Klar, Konversation färbt ab, dass weiß ich von der Sozialisierung mit unserer Schweizer Freundin auf der Burg. Irgendwie aber bin ich doch beruhigt, dass es bislang noch zu keinem "Cityspeak" wie im Film "Bladerunner" gekommen ist. Denn welchen Einfluss Rollenbilder aus TV- oder Streaming-Serien auf die nun Heranwachsenden haben, erlebe ich an manchen Abenden lautstark unter meinem Fenster bei der Klientel der Streetworker, die an der Ecke ihr Büro haben. Befeuert von den  kruden Texten deutscher "Gangsta-Rapper" kommen die Buben mit rollenden Schultern gutturale Laute ausstoßend daher und "mandeln" sich auf, wie man früher in diesem Stadtteil zu sagen pflegte.

Aber wer bin ich, mich darüber aufzuregen, wenn ich alter Depp Dinge "mega" oder Bombe" finde?

Eine empfehlenswerte
Lektüre für Leute,
die das Unverständliche
begreifen wollen