Montag, 27. April 2026

Über das Jubeln

Zu meinen persönlichen Problemen zählt seit jeher, dass ich mich mitten in großen Menschen-Ansammlungen äußerst unwohl fühle, obwohl es mir nie etwas ausgemacht hat, vor viel Publikum zu reden. Das machte mir in meinen Anfangsjahren als Sportberichterstatter arg zu schaffen. Aber in jenen Tagen galt für den Job ja noch die Neutralität. Es war verpönt, Beifall zu klatschen oder gar parteiisch zu sein. Wenn im Stadion oder anderen Sportstätten kurioserweise ein Block von der Euphorie nicht erfasst wurde, dann war das die Reporter-Tribüne. Heute ist das anders. Die Reporter dürfen aus "Deutscher Sicht" Euphorie vermitteln oder ihrem Kommentieren nationalistische oder lokalpatriotische Tendenzen geben.

Quelle: DWDL
Parteiisch sein als Reporter -vor allem bei Länderspielen -
ist nicht mehr verpönt, sondern Teil der Show

Gestern Nacht hatte ich tatsächlich einen Traum, in dem ich mir vorwarf, nicht jubeln zu können. Dem musste ich nach dem Erwachen in alter Gewohnheit durch Selbstanalyse auf den Grund gehen. Zur Beruhigung dachte ich an alle Beiträge in den Olympia-, Weltmeisterschafts-Büchern sowie an die Sportler-Biographien, an denen ich deshalb erfolgreich mitgewirkt habe, weil ich eben gerade in meine Texte soviel Empathie einbringen konnte.

Aber wie war das in meiner eigenen Erlebniswelt? Was hatte ich genügend Gründe, in Jubel auszubrechen! Aber je länger ich nachdachte, konnte ich mich zwar an viele Glücksmomente und an die Euphorie erinnern, die ich aber meist nur still empfand, wenn ich nicht sogar leise Tränen vergoss. Letzteres ist übrigens im Alter noch schlimmer geworden.

Quelle: Lernplattform Lerntrick

Da folgt dann gleich die Frage: Was stimmt mit mir nicht? War ich vielleicht ein damals noch nicht definierbares ADHS-Kind (Hyperaktivitäts-Defizit-Aufmerksamkeits-Syndrom) oder lag es eher daran, dass ich mit einigem Abstand der Nachzügler von zwei brillierenden Schwestern war, dem sein Vater nichts zutraute, um das Wort Versager zu vermeiden?

Als Vater habe ich deshalb nach bestem Wissen und Gewissen versucht, meinen Kindern emotional soviel Entfaltungsmöglichkeiten zu bieten, wie es eben möglich war. Ich weiß aber nicht mehr, ob wir je gemeinsam bei einem Anlass laut gejubelt hätten.

Quelle: Münchner Zeitung
Stadien in Flammen:
panem et circenses der Gegenwart
Die vergangene Woche war ja, was das Jubeln angeht, nicht gerade prädestiniert. Deshalb ist mir der Kontrast zwischen den kriegerischen Geschehen weltweit, dem politischen Zwist hierzulande und der Fußball-Euphorie im DFB-Pokal-Halbfinale zwischen Stuttgart und Freiburg besonders aufgefallen: Kriegstrommeln und Pyrotechnik und die Chöre der Massen. Das Prinzip panem et circensis lenkt ab, und der Jubel muss raus.

Auf der Zielgeraden meines Lebens habe ich deshalb einmal die KI zu meiner "Psycho-Analyse" herangezogen:

Der Mensch jubelt primär, um überschäumende Freude, Erleichterung und Triumph auszudrücken, oft in gemeinschaftlichen Situationen wie dem Sport, bei Konzerten oder Feiern. Psychologisch und biologisch gesehen erfüllt Jubel mehrere Funktionen:

Quelle: RND
Jubeln animiert zum Mitjubeln.
Sich als Sieger fühlen zu können, steigert das Selbstwertgefühl

Soziale Verbundenheit: Jubel bringt Menschen zusammen, fördert das Gefühl der Zugehörigkeit und stärkt den sozialen Zusammenhalt, beispielsweise im Fußballstadion.

Stressabbau und Dopamin: Gewinnen und das damit verbundene Jubeln können Stress erzeugen, führen aber zu einem "Dopamin-Feuerwerk" im Gehirn, was als Glücksgefühl wahrgenommen wird.

Spiegelneuronen: Wenn Menschen andere jubeln sehen, neigen sie dazu, dies aufgrund von Spiegelneuronen mitzufühlen oder mitzujubeln.

Ventil für Emotionen: Jubel erlaubt, Leid, Anspannung oder Anstrengung (z.B. nach einer langen Durststrecke) in positive Energie umzuwandeln. 

Der Jubel kann auch in extremen Situationen als Ventil für angestaute Spannungen dienen, wodurch aus Begeisterung lautstarke Rufe entstehen. 

Emotionslosigkeit: Bei großer Belastung oder einer negativen Weltlage fällt es schwer, in Jubel auszubrechen.

Fehlende Erlaubnis: Viele Menschen müssen sich erst erlauben zu jubeln, da Freude oft mit Scham oder der Angst vor Neid besetzt ist.

Übungssache: Experten raten dazu, "Jubel-Tage" einzulegen und positive Affirmationen zu nutzen, um die Jubelspirale wieder in Gang zu setzen.

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