Gar nicht weit vom Glashaus gibt es den Spyridon-Louis-Ring im Schatten des Münchner Olympia-Stadions. Bevor ich einen schweren Sturz mit dem Rad hatte, bei dem ich beinahe unverletzt blieb, aber mein Rennrad regelrecht Schrott wurde, bin ich die nahezu verkehrsfreie Straße ein paar Mal pro Monat auf meinen Trainingsrunden entlang gefahren. Für mich war die Strecke in mehrfacher Hinsicht "merkwürdig": Zu den Olympischen Spielen von 1972 - meinen ersten als Reporter - hatte und habe ich immer ein zwiespältiges Verhältnis. Sie waren für mich wie ein Rausch, aus dem ich durch einen der brutalsten Anschläge des weltweiten Terrorismus über Nacht ernüchtert wurde. Am Tag bevor die Israelischen Olympioniken als Geiseln genommen wurden, hatte ein Deutscher Teenager mit unendlich lagen Beinen sensationell die Goldmedaille im Hochsprung der Damen gewonnen: Ulrike Meyfarth.
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Spyridon Louis 1873 - 1940: Vom Wasserträger zur ewigen Legende |
Vier Jahre später saß ich mit dem damals während des Terrorüberfalls verantwortlichen Münchner Polizei-Chef Manfred Schreiber und einem Freund von der Deutschen Presseagentur
* im Café des Olympischen Dorfes in Montreal und diskutierte darüber, dass die Spiele durch das enorme Aufgebot an allgegenwärtigen Sicherheitskräften wohl ihre Unschuld verloren hätten. Schreiber meinte sarkastisch, dass es die wohl seit Spyridon Louis kaum noch gegeben hätte, weil der Olympische Sport ja von Beginn an auch stets ein Politikum war. Ich warf die nicht ganz ernst gemeinte Frage auf, ob der erste Olympia-Sieger im Marathon 1896, der je nach Quelle (
https://de.wikipedia.org/wiki/Spyridon_Louis) eine Pause mit einem kräftigen Schluck schweren Samos-Weines oder aber Branntwein eingelegt hatte, bei den nun obligatorischen Dopingkontrolle überhaupt siegreich gewesen wäre. Jedenfalls las sich das in den Schulbüchern meiner Kindheit, als sei das Rennen über die historische Distanz ab Marathon über 40 Kilometer nach Athen quasi ein Zuckerschlecken gewesen. Dass es heute über die festgeschriebenen 42,195 km geht, ist nämlich erst den Olympischen Spielen von 1908 in London zu verdanken. Da lag der Start beim Schloss Windsor und endete unmittelbar unter der Königsloge im Olympiastadion nach 26,385 Meilen.
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Quelle: beide Fotos wikipedia Spyridon Louis in National-Tracht bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin, wo seine Ehrung gut ins heroische Propaganda-Programm der Nazis passte |
Mir schnürt es die Kehle zu, wenn ich daran denke, dass dieses, mir immer noch so momentane Gespräch 50 Jahre her ist - und wie unschuldig ich selbst da noch meinen Beruf ausgeübt hatte. Der historische Tag, da Spyridon zur Legende wurde, jährt sich heute zum 130. mal. Die meisten jüngeren Sportinteressierten müssten vermutlich fragen, nach wem überhaupt die Straße rund um den Olympia-Berg benannt wurde
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Noch ein Nachsatz zur Statistik: Spyridon benötigte 2:58: 50 für die historische Distanz nach Athen, die Siegerzeit der Olympischen Spiele 2024 in Paris betrug bei den Männern 2:06:26 und bei den Frauen 2:22:55.
*Manfred Schreiber, der fast genau vor 100 Jahren geboren wurde, starb 2015. Mein geschätzter Kollege und Skikamerad Herbert Bögel starb 2012.
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