Beinahe tägliche Berichte über Streiks könnten den Eindruck erwecken, die Gewerkschaft nutzten den angeschlagenen Staat, um im Namen ihrer Mitglieder auf den Putz zu hauen. Als ver-di in den letzten Tagen die Münchner dadurch, dass U-Bahn, Tram und Busse nicht fuhren, vor nahezu unlösbare logistische Probleme stellte, waren ausnahmsweise auch wir Langzeit-Rentner betroffen. Meine Frau hatte einen kleinen, ambulanten chirurgischen Eingriff im unmittelbar autofreien Zentrum der Landeshauptstadt. Nach dem sollte sie eigentlich nicht Auto fahren . Ich fahre nach meinem schweren Sturz, der eine alte Genickverletzung wieder aktiviert hat, seit Jahren nur noch Autobahn oder Landstraßen. - Wenn überhaupt. Taxis und Uber waren schon durch Vorbuchungen am Sonntag nicht mehr zu reservieren. Also musste meine Frau wohl oder übel ihre Odyssee im Auto antreten.
![]() |
| Quelle: ver.di München |
München ist eine hervorragende Stadt für Radfahrer, aber die Verkehrslenkung im Innenstadt-Bereich ist mittlerweile so verzwickt, dass Parkhäuser nur noch durch Zickzackfahren wie in einem Labyrinth zu erreichen sind. Nur um dann festzustellen, dass eins ums andere belegt ist. Mit der U-Bahn dauert der Weg zur Praxis nicht einmal fünfzehn Minuten. Meine Frau brauchte aber hin zunächst vierzig. Als sie wegen der Narkose nach einer Pause am frühen Nachmittag zurück wollte, war sie mehr als eine Stunde unterwegs. Was selbst ihre gottgegebene Langmut überreizte. Sie, das ehemalige SPD-Mitglied, verfluchte die dauernde "Streikerei", als sie nach meinem ängstlichen Warten endlich zur Tür herein kam.
Ich war gewillt, zu zu stimmen. Vor allem, als sie zum Streik die irrsinnigen ÖNVP-Preise und die Stundenpreise für die Parkgebühren mit einflocht. Ich geriet aber dann schnell in einen Zweispalt. Ganz gewiss kann ver.di nichts dafür, dass meine Frau beinahe ein halbes Jahr auf diesen ambulanten Eingriff warten musste, und dass der Termin ausgerechnet mit einem Streik zusammen traf, der da noch gar nicht abzusehen war. Sogar einige Gäste der 100Jahr-Feier bei der Lufthansa konnten wegen Bestreikung des Flug- und Boden-Betriebs ja ihrer Einladung am selben Tag nicht folgen.
Ich versuchte meine Frau damit zu beruhigen, dass wir ansonsten mit unserem autarken Wohnen im Glashaus doch bislang noch nie unter Auswirkungen von Streiks zu leiden hatten, unsere Renten bislang aber trotz der riesigen Staatsverschuldungen noch immer automatisch angepasst wurden. Was aber de facto schon längst nicht mehr mit der allgemeinen Verteuerung Schritt hält.
Natürlich geht es der Wirtschaft schlecht und die Konzern-Gewinne brechen ein wie seit 2008 nicht mehr. Der Mittelstand, das Rückgrat unserer Wirtschaft, leidet an Produktions-Osteoporose und die marode Infrastruktur fliegt uns verwöhnten Deutschen regelrecht um die Ohren. Wenn dann auch der Millionärs-Kanzler, der einen Teil seines Vermögens mit dem Sitzen in Aufsichtsräten angehäuft hat, von seinem faulen Volk mehr und längere Arbeit verlangt, verstehe ich den Ansporn für Streiks.
Ich will nur ein Bespiel für das in Schichten arbeitenden Personal des Münchner Verkehrsverbundes anführen. München ist die teuerste Stadt Deutschlands. Mieten sind nahezu unbezahlbar. 3000 bis 3.500 Euro beträgt das Brutto-Einstiegsgehalt eines ONPV-Mitarbeiters. 1.600 bis 2.000 Euro sind im Stadtbereich für die Warmmiete einer 70qm-Wohnung zu berappen.
Wir Rentner, die wir den ÖNPV nur gelegentlich nutzen, müssen für die Einzelfahrt im inneren Zirkel momentan 4,20 Euro zahlen. Zu zweit sind das 16,40 hin und zurück, und immer noch müssen die Verkehrsbetriebe nach letzten Wünschen mit 140 Millionen subventioniert werden...
Der aktuelle ver.di-Tarifabschluss von gestern:
https://www.zdfheute.de/wirtschaft/tarifeinigung-verdi-laenderbeschaeftigte-100.html
D



Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen