Montag, 23. Februar 2026

Vergiss es!

Darf sich einer, in dessen Umfeld ein geliebter Mensch jeden Tag ein Stückchen weniger auf dieser Welt ist, über den eigenen Gedächtnisverlust lustig machen? Ja, das muss er sogar, wenn er sich für den Rest seiner Tage nicht mit möglichen, weiteren Verlustängsten herum schlagen möchte,

Demenz, Alzheimer oder Hirnverkalkung nehmen in unserer Gesellschaft deshalb so rasant zu, weil wir alle älter werden, als das Verfallsdatum ursprünglich von Mutter Natur vorgesehen war. Inzwischen ist fast täglich von neuen Medikamenten zu lesen, die den Gedächtnisverlust verlangsamen oder gar erträglicher machen. Aber das ändert doch am gegebenen Ablauf eines Lebens  nichts: Vor dem Sterben kommt oft eben das Vergessen.

"Natürlich kann man mal etwas vergessen", beruhigt uns ein TV-Werbespott und preist ein frei verkäufliches Produkt an, das vermeintlich die Durchblutung der Gehirnzellen verbessert. Aber Vergesslichkeit ist natürlich, und sie ist vor allem von den Genen abhängig. Da helfen Denksport-Aufgaben und kognitive Spiele, um daraus einen Vorteil zu nutzen. In meinem Umfeld werden und wurden die Frauen immer drastisch älter als die Männer. Die Mutter einer Freundin meiner Frau ist gerade 102 geworden. Sie erkennt immer noch sofort die Stimme wenn die Fürsorglichste ihr telefonisch zum Geburtstag gratuliert. Die alte Dame wohnt selbst bestimmt im eigenen Haus.

Quelle: Alzheimer Forschung
Initiativ.eV
Währenddessen die legendäre Tante B. in ihrer Wohnung zwar rund um die Uhr betreute wird, aber bei den Begegnungen tagesaktuell mit ihrer persönlichen Gegenwart immer aufs Neue programmiert werden muss. Aber sie hat weder ihren Humor noch ihre Lust auf Leckereien verloren. Jedoch wird sie traurig, wenn sie Dinge aus ihrer Erinnerung hervor kramen will. Mich zum Bespiel muss sie jedes mal neu identifiziert bekommen, obwohl ich sie genauso lange kenne, wie meine Frau. Das Leben bleibt ungerecht - selbst wenn einem die von allen gewünschte lange Verweildauer gewährt wird.

Mein Leben ist geprägt von einer Ehepartnerin die mich von Beginn an durch ihre Vergesslichkeit genervt hat. Aber weil sie gleichermaßen im Vergessen wie im Vergeben stark ist, macht es uns heute nichts aus, dass wir uns gegenseitig über unsere Schusseligkeit lustig machen. Da kam es gestern beim schlafen gehen zu folgendem Dialog:

Sie: "Du musst mich morgen unbedingt daran erinnern, dass ich zur Apotheke und zum Drogeriemarkt gehe. Ach ja, und die Butter ist aus!"

Ich: Ok. ich mache drei Knoten in die Bettdecke. Aber was, wenn morgen früh vergessen habe, wofür ich die gemacht habe?

Sie: Ach vergiss es!

Quelle: pinterest

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