Donnerstag, 12. Dezember 2013

Sprachlos

Man stelle sich vor, dass NSA, MI5 und MI6 sowie das Deuxième Bureau tagtäglich dankenswerter Weise alles zusätzlich ausspähen, was dem Deutschen Verfassungsschutz schon bei der NSU-Verfolgung entgangen ist. Das ergäbe eine unendliche Datenfülle, die irgendwie letztlich in einem  Datensilo von der Größe eines Berges   landet. Der ist in einer amerikanischen Wüste verborgen und verbraucht zum Kühlen etwa die Eisesmenge, die die abschmelzenden Polkappen gerade noch hergeben. Dafür gewährt er aber, dass die Welt sekundlich vor dem schrecklichsten Terror der Geschichte bewahrt werden kann. Wenn das nicht alle Milliarden an Steuergelder rechtfertigt, dann weiß der kleine Weltbürger auch nicht mehr, wovor er sich zu fürchten hat?

Die Komplettüberwachung sei wirklich nicht das all heilende Mittel findet unser heute aus seinem Amt scheidender, oberster Datenschützer, Peter Schaar, und stand in zehn Jahren gegen die Sammel-Leidenschaft von Innenministern verschiedenster Couleur mit einer Hartnäckigkeit auf, die ihm sicher keine "I Like" eingebracht haben. Ganz besonders gegen den amtierenden obersten Datensammlungs-Fanatiker Hans-Peter Friedrich hat der Grüne aufbegehrt. Friedrich hält ja bis heute, im Vergleich zum hervorragenden  Schutz der Welt durch die Sammelwut der Dienste, das Belauschen der Kanzlerin  immer noch für eine Bagatelle..

Der schwarze Hans-Peter schürt die Furcht vor dem "Schwarzen Mann" gegen nahezu alle, die nicht seiner Meinung sind, bekam aber ausgerechnet gestern bei den Trauer-Feierlichkeiten für Nelson Mandela einen dicken Schwarzen Peter von einem sprachlosen schwarzen Mann zugeschoben, den die ganze Welt zu sehen bekam.

Neben den redenden Staatsmännern der allerhöchsten Sicherheitsstufen stand ein starr vor sich hin blickender Mann, der anscheinend simultan die Reden für alle Gehörlosen dieser Welt in Gebärdensprache übersetzte. Was er allerdings gar nicht tat, weil er diese gar nicht beherrscht. Auf einer ANC-Versammlung vor einem Jahr hatte er das schon mal getan und war dabei auch aufgefallen und beanstandet worden. Was ihm aber wohl zur Belohnung dennoch eine Akkreditierung in dieser Funktion mit entsprechend exponierter Positionierung einbrachte (sehr sehenswert das Video auf ard.de).

Wenn die Sache nicht so tragisch auf das Versagen all der kostbaren Dienste hinwiese, wäre das der Joke des Jahres gewesen. So muss man sich fragen, wie die Datenschützer bei einem kommenden  Welt-Kongress verhindern wollen, dass sich ein Mann mit drei Punkten auf gelber Armbinde neben die Redner stellt, um das Gesagte in Blindensprache zu dolmetschen. Oder wären sie dazu auch blind genug?

Wer bei dem Video genau hinsieht, kann auch ohne Kenntnisse in der Gebärden-Sprache erkennen, dass dieser Zeichensprachler immer wieder mit seinen Händen die gleichen Bewegungen wiederholt. Das wurde live von den Geheimdienstlern vermutlich damit abgetan, dass es ja üblich sei, dass Politiker Nichtssagendes auch gerne mal öfter Wiederholen...

Samstag, 7. Dezember 2013

Die gute, alte Zeit

Die "Zweitbeste" war schon von je her eine Meisterin der Abschottung. Dazu gehört, dass sie vornehmlich nur Bücher liest, die gut ausgehen und Filme gar nicht sehen möchte, in denen das Böse obsiegt. Nun gleitet sie langsam in eine Phase, in der sie Nachrichten-Formate wie "heute" oder die "Tagesschau" nicht mehr gucken will, weil sie die immer dichter werdenden Berichte über Katastrophen - natürlicher aber vor allem menschlicher Ursachen - nicht mehr erträgt. Dieses Unbehagen drückt sie stets mit dem gleichen Satz aus, weil sie mittlerweile auch zu Wiederholungen neigt:

"Weißt du, in früheren Zeiten haben all die Grausamkeiten sicher noch viel schlimmer stattgefunden, aber bis die Leute hier davon erfahren haben, waren sie bereits Geschichte. Heute musst du dich tagtäglich mit all diesen Dramen - am besten noch live - global auseinandersetzen."

Ich weiß genau, was sie meint. Als gläubige Christin mit einem ausgeprägten Helfer-Syndrom ist sie verzweifelt, dass sie im Prinzip nur zuschauen kann, wie die Menschheit von einer Katastrophe in die andere schlittert. Die Beispiele, in denen auf Erden irgend ein Konflikt mit Vernunft und nicht mit Gewalt gelöst wurde, lassen sich ja auch an den Fingern abzählen.

Vielleicht gibt sie sich deshalb so freimütig der Weihnachtsbotschaft hin, und versucht die ganze Sippe in Friede, Freude, Eierkuchen zu betten? Ich hingegen werde von Jahr zu Jahr wütender. Vom immer lauter werdenden Gesäusel der sogenannten "staden Zeit" schlägt mein Gemüt komplett ins Gegenteil um.

Während in Sanaa Bomben-Terror herrscht, in Syrien der Bürgerkrieg nicht anhält, sondern nachrichtentechnisch nur in die zweite Reihe getreten ist wie das Aufbegehren der Menschen in Ägypten, Thailand und der Ukraine. Während Hollande seine Truppen nach Afrika schickt, um die nächsten Kriegsherde aufzuplustern, da feiert sich unsereiner bei Spenden-Marathons für sein "Gutmeschentum", bestärkt durch  Fernseh- und Rundfunk-Moderatoren, die sich dazu mit  heiligmäßigen Kommentaren feierlich und geistig einen runterholen.

Der nachhaltigste Zweck solcher Weihnachtsaktionen - den ich in helfend lindernden, verschwindend kleinen Einzelfällen gar nicht infrage stellen möchte - dient allein der Tatsache, dass wir uns für einen Moment in diesem weltweiten Drama des schlechten Gewissens berauben; des Unbehagens, dass es uns inmitten  all diesen Schreckens so saugut geht...

Einmal habe ich meine Mutter gefragt, welches denn ihr schönstes Weihnachten gewesen sei. Und sie antwortete ohne nachzudenken: "1944. Pappi hatte Fronturlaub, und deine Schwestern waren da ja schon auf der Welt."

In einem Album fand ich später sogar noch ein Foto von jenem letzten Kriegs-Weihnachtsbaum, und mir fiel auch die Geschichte ein, dass mein Vater, weil er nur diesen einen, viel zu großen ergattern konnte, kurzerhand die Spitze und  die unteren Zweige abgesägt hatte, damit er in das Notquartier passte: Ein trostloses Etwas mit zwei dürren Etagen, an dem Lametta und Sterne aus Zigaretten-Papier hingen und drei, vier unterschiedlichste Kerzen brannten...

Meine Eltern waren im Alter - mein Vater hatte ja immerhin zwei Weltkriege überlebt - auch immer noch der Ansicht, dass das Leben früher menschlicher gewesen sei. Auch hatten sie ja auf ihren Reisen die ganze Welt gesehen, und waren von dieser Vorstellung dennoch nicht abzubringen. Bis zum Tode war ihnen das Weihnachtsritual - obwohl beide Agnostiker - als Familien-Zusammenkunft unheimlich wichtig. Es wurde sogar in die Kirche gegangen.

Unsere heutige Rührseligkeit im Advent und an Weihnachten  ist im Prinzip aber auch nur ein Beleg für die sich immer wiederholenden, geschichtlichen Abläufe und die Unfähigkeit der Menschheit sie zum Positiven zu korrigieren:

Sie wurde nämlich vom Biedermeier geprägt. einer Zeit, die sich selbst so erfolgreich derart schön färbte, dass die Leute sie später auch "die gute, alte Zeit" nannten. Die Bürger schotteten sich so ab in ihrer Heimeligkeit und ihrem privaten Wohlergehen, dass sie gar nicht bemerkten, was sich im "Vormärz" der Revolutionen zusammen braute. Die Lyrik Heinrich Heines und Georg Büchners wurde ja nur in der romantischen Oberfläche wahrgenommen, und viele wollen ja bis heute nicht begreifen, dass auch die Gebrüder Grimm, die Märchensammler,  sozialistische Vordenker des bald blutigen  Umbruchs waren und deshalb mit Berufsverbot belegt und ins Exil gezwungen wurden.

Immerhin, der Merkel-Weihnacht mit dem Danaer-Geschenk der "Großen Koalition" wird man später zu recht nicht absprechen können, dass sie vielleicht der Höhepunkt einer einzigartigen Epoche war:
Über 60 Jahre Friede auf Deutscher Erde. Das hatte es noch nie gegeben...

Dienstag, 3. Dezember 2013

Die rot-grüne Invasion

Der Lauf der Geschichte ist ja schon öfter durch falsche Einschätzungen von Invasionen verändert worden. Aber wer erlebte schon jemals eine Okkupation von innen heraus?

Da hockt einer zu Hause, weil er Angst hat, dass ihm beim Recherche-Radeln in dieser Kälte der Allerwerteste abfriert und glaubt im Inneren des Glashauses gäbe es keine Themen für einen Blog. Weit gefehlt!

Während er noch darüber nachsinnt, dass außer in seiner Heimatstadt, in der im kommenden Jahr ja der Bürgermeister gewählt wird, die Kombi Rot-Grün wohl kaum  noch eine Zukunft haben wird,  fällt es ihm wie Schuppen von den Augen:

Ganz Deutschland ist bald  schwarz-rot oder schwarz-grün. Nur ein kleines Appartement im Münchner Norden leistet Widerstand und beugt sich nicht dem allgemeinen Trend. Vielmehr erlebt es gerade jetzt eine schleichende rot-grüne Invasion. Was nichts damit zu tun hat, dass die Zweitbeste als zutiefst verunsichertes SPD-Mitglied mit diesem Signal etwas der Befragung zum großen Koalitionsvertrag entgegen setzen will.

Die Sache ist viel trivialer: Die "zweitbeste Ehefrau" von allen ist eine durch nichts zu erschütternde Weihnachtsromantikerin. Und weil sie weiß, dass ihr Ehe-Begleiter alljährlich von einem chronischen Weihnachtsmann-Koller befallen werden kann und von Leuchtgirlanden, Schleifen, Goldsternchen und Adventskränzen Schnappatmung bekommt (zumindest seit die Kinder aus dem Haus sind), hat sie  eine homöopathisch schleichende Dekorationsmethode ersonnen.

Die beginnt Ende November harmlos mit einem beiläufig postierten Zwerg-Rhododendron, zu dessen Rot-Grün ich als ehemaliger Berg-Fex und Alpenrosen-Freund keine Antipathie hege. Kurz vor dem 1. Advent erhält dieser Topf Flankendeckung durch eine Riesen-Cyclame im gleichen Farbton, die der Bezeichnung Alpenveilchen längst nicht mehr gerecht wird. Seit Teschernobil haben die wohl eine genetische Mutation zum "Alpenpfeiler" erfahren.

Ich denke noch über dieses nicht allzu geniale Wortspiel nach, da merke ich erst, dass das Riesending nur von einem Adventskranz von der Größe eines Bulldozer-Reifens ablenken soll, der auf dem Esstisch platziert wird. Der ist so einnehmend, dass er uns bis Weihnachten dazu nötigt, selbst zum Abendessen nur das kleinste Frühstücksgeschirr zu decken.

Und damit die Welt draußen nichts von meinem vorweihnachtlichen, für den Gnadenstoß bereiten Verfall mit bekommt, wird dieser herrlich breite, freisichtige Glas-Erker auch noch flugs mit zwei baumhohen Weihnachtssternen vor fremden Einblicken geschützt.

Und zu allem guckt dann noch triumphierend ein Weihnachts-Hampelmann auf mich herunter, der seine Beine lässig von unserer Anrichte baumeln lässt...

Ich kapituliere - und zünde untertänigst  die Kerzen an. - Sieht einfach gemütlicher aus so, und Rot-Grün ist dann auch nicht mehr gar so penetrant!


Samstag, 30. November 2013

Herz- oder Bauchgefühl?

In der sich stetig verändernden Medienlandschaft ist auch die gute alte Süddeutsche Zeitung immer öfter für Überraschungen gut:
Gestern zum Beispiel schaffte es ein eher triviales Thema auf die Titelseite: Der Psychologe McNulty von der Florida State in Talahassee habe erforscht, dass eher das Bauchgefühl beim Ja-Wort die potenzielle Dauer einer Ehe verriete als ein vermeintlich schneller schlagendes Herz. Seine Studie widersprach auch der These vom verflixten siebten Jahr. Nach vier Jahren sei meist schon die Glut bei denen erloschen, die nicht auf das Grummeln des Nahrungscontainers gehört hätten...

Bei aller Wertschätzung für Florida sei zunächst angemerkt, ob in dem dort herrschenden permanenten Faulheitsklima überhaupt seriös geforscht werden kann. Dann scheint mir die Beschränkung auf amerikanische Verhältnisse wissenschaftlich unseriös. Wissen wir doch seit den Screwball-Comedies, dass die Amerikanerin als solche schon mit dem ersten Augenaufschlag nichts anderes verfolgt, als den ausgespähten Mann in den Hafen der Ehe zu bugsieren.

Wir in Europa haben unsere Dichter und Denker, die uns ganz anders auf diese Lebensentscheidung vorbereiten. Allen voran Schillers unsterbliche Erkenntnis:

Drum prüfe, wer sich ewig bindet. Ob sich das Herz zum Herzen findet! Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang...


Wer Schillers "Lied von der Glocke" schon vorpubertär hat auswendig lernen müssen, weiß in unseren Breiten, dass Eheschließung eher eine Sache des Verstandes ist, und sich das Bauchgefühl beim Mann schwerkraftmäßig erst nach der  "Diät des werdenden Vaters" (Heimeran) einstellt.

Wieso dann doch nunmehr jede dritte Ehe in diesem unseren Lande (Indula nach Dr. Helmut Kohl) geschieden wird. müsste also per Forschungsauftrag möglichst rasch mit McNultys Ergebnissen abgeglichen werden.

Ich denke, es hülfe, wenn das auswendig Vortragen "Der Glocke" von beiden Partnern mit leeren Mägen bei der Bestellung des Aufgebotes qua Gesetz verlangt würde.

Die Zweitbeste - als sie noch meine allerbeste Geliebte war - und ich haben uns jedenfalls ziemlich lang geprüft. Was die Differenz der Jahre des Zusammenseins und die im Stand der Ehe verbrachten verdeutlicht:
In zwei Jahren wären wir fünfzig Jahre zusammen, ob wir allerdings die Goldene Hochzeit noch schaffen, ist fraglich. Es ist überhaupt fraglich, ob wir je geheiratet hätten, wenn ich nicht eines Tages gefragt hätte.

Damals, mühsam erwachend, meinte ich: "Jetzt sind wir schon so lange zusammen. Meist du nicht wir sollten mal heiraten?"
Worauf die allerbeste Geliebte schlaftrunken, aber trocken und dem alten Witz konform antwortete: "Ja. schon, aber wer will uns denn jetzt noch?"

Herz- oder Bauchgefühl hin oder her. Ich denke, wie jedes Match wird auch der Erfolg in einer Ehe im Kopf entschieden. Notfalls geht es in die Verlängerung oder wie beim Eishockey bis zum Sudden Death.

Donnerstag, 28. November 2013

Crossover

Der Vorname Arslan - aus dem Türkischen übersetzt - bedeutet Löwe. Die Eltern meines einen Block um die Ecke wohnenden, entfernteren Nachbarn haben sich und ihrem Nachwuchs angesichts des eigenen Kleinwuchses einst wohl im Umfeld der sie überragenden Germanen Mut machen wollen. Heute ist Arslan vierzig und fast genau so breit wie klein. Aber er ist der erste Deutsche in seiner ur-anatolischen Familie. Hätte er - der in Deutschland Geborene - noch die aktuellen Koalitionsverhandlungen und die Legislative der großen Koalition abgewartet, hätte er - der Fußballer - nun auch derart vom Doppel-Pass profitiert.

Die zweite Kuriosität seines Vornamens beruht aber darauf, dass der "Löwe" seit er auf seinen krummen, stämmigen Beinen laufen und kicken kann, nicht nur Fan, sondern auch Mitglied vom FC Bayern ist, obwohl er für Türk Gücü aktiv war. 1860 - die Löwen also - obwohl damals auch noch in der 1. Bundesliga gut unterwegs wäre ihm nie in den Sinn gekommen.

Arslans Kleintransporter, mit dem er seinen mobilen Hausmeister-Service in unserem Viertel betreibt, hängt voller FCB-Devotionalien, und er spricht auch wesentlich besseres Bayrisch als ich nach meinen bald sechs Jahrzehnten in der Landeshauptstadt. Einmal habe ich ihn sogar in Lederhosen und Haferlschuhen in Richtung Oktoberfest marschieren sehen.

Aber Arslan ist und bleibt auch Moslem; kein besonders streng Gläubiger, wie ich annahm. Bis ich seine Zwillingstöchter, die bei jedem Wetter zum Sophie-Scholl Gymnasium radeln, erstmals mit traditionell gebundenem Kopftuch zu Jeansjacke und Schultasche gesehen habe. Auch das wäre bei der bald istanbulischen Kopftuch-Dichte hier nicht bemerkenswert.

Es ist eher die eigentümliche Vorliebe für Weihnachtsdekoration, die Familie Cengiz außerhalb ihrer Dachgeschoss-Wohnung an zwei Gauben und dem kleinen Balkon zur Schau stellt: Da klettern alljährlich drei mit Geschenk-Paketen beladene Weihnachtsmänner an Leitern und Girlanden zu ihren Fenstern hoch.

Die letzte Weihnachtszeit in München hatten wir ja verpasst, aber diesmal radelte ich gerade vorbei, als der "Löwe" die rotweißen Gabenbringer montierte. Ich rief ein paar lustig gemeinte Bemerkungen zur religiösen Widersprüchlichkeit seines Tuns hinauf. Aber er konterte nur trocken:

"Was hat denn bitte der Weihnachtsmann mit Religion zu tun?"

Dienstag, 26. November 2013

Warenkorb? Welcher Warenkorb!

Das Schönste an München ist nun mal die Weihnachtszeit (siehe auch Blog "Der Burgschreiber" zum 1. Advent). Und wenn dem Blogger dann gar zu wohl ist, mischt er sich unter die Mitmenschen, damit er am Puls der Zeit bleibt.

Heute war ich zum Weißwurst-Essen im Sedlmayr - einen Steinwurf vom Viktualienmarkt entfernt. Obwohl mein einstiger, verklemmt schwuler, dramatisch zu Tode gekommener Lieblingsschauspieler hier bei seiner von ihm inszenierten Schmankerl-Oase leider nicht mehr das Zepter schwingt,  lebt seine Idee  doch fort,

Zwar nicht unbedingt bei Weißwurst und Brez'n, dafür aber bei solchen Highlights wie "Koibsfüaß" paniert, "Koibsbackerl" mit Remoulade und ausgebratener Blutwurst mit Püree. Ein absoluter Ankommer ist auch die gefüllte Kalbsbrust, und die Zweitbeste geht sowieso nur in diese Boaz'n, weil es da die geschmorten Rindsbacken in einzigartiger Zubereitung gibt.

Ich war vorher noch nie in diesem Etablissement, aber ich werde da jetzt Stammgast wie meine Frau.  Nicht wegen dieser Rettungsringe aus Hüftspeck erzeugenden Speisen, sondern eher der Tisch-Genossen halber. Denen - weil es immer voll ist - wirst du einfach zugeteilt - wie im Club Mediterranée:

Mei war das lustig:
Ein Herren-Rentner-Stammtisch und ein Ehepaar, und wir haben miteinander geredet, als träfen wir uns seit Jahren genau an diesem runden Tisch bei der Küche zum aktuellen Diskurs...


Wia ma halt so red:
Es stellte sich heraus, dass das ältere Ehepaar genau so emigriert war wie die Zweitbeste und ich. Nur, dass sie sich ein Haus im (leider immer nationalsozialistischer werdenden)  Ungarn nahe Budapest gekauft haben. -Was sie sich hier - nach eigenem Bekunden - nie und nimmer für den Ruhestand hätten leisten können.

Schon in zahlreichen nach dem Krieg erschienen Romanen wird ja beschrieben, dass Emigranten schnell eine besondere Wellenlänge zueinander finden. Wobei diese Situation ja nun nicht vergleichbar gewesen wäre, wenn wir - in etwa gleich alt - nicht den entsprechenden  Einstieg für unser Gespräch gefunden hätten:
Den kaufkräftigen Mehrwert im Ausland.

Der ermögliche in Ungarn - so das ur-münchnerische Ehepaar - trotz komplizierter Umrechnung in Florint ein Leben , das die deutsche Rente hier  in der Heimat nicht mehr hergebe.

Natürlich ist mir bei dem Gespräch bewusst gewesen, dass Italien  (von Berlusconi wirklich befreit?) - was die Lebenshaltung angeht - vermutlich mit Ungarn nicht mithalten  kann, aber ich führte dabei  den statistischen Begriff  "Warenkorb" an.

Das machte die Neu-Ungarn wirkliche fuchsig:
"Warenkorb? Welcher Warenkorb! Unser  Hausarzt, wegen dem wir gerade in München sind, macht seine Praxis dicht, weil die Miete von 2500 Mark einst, auf 4500 Euro heute gestiegen ist. Unser tägliches Leben - immer noch  in Forint zu berappen - hat sich zwar in Ungarn mittlerweile auf Mark-Niveau erhöht, aber nur dadurch  kommen wir noch mit unserer Rente klar. - Trotz der 100 Prozent Inflation, die uns der Euro zwischenzeitlich bei unserer auf Mark ausgerichteten Altersversorgung beschert hat."

Bestürzt dachte ich daran, dass das Wohngeld für unsere Eigentumswohnung hier jetzt in Euro die Summe erreicht hat, die wir noch vor zwölf Jahren an Miete in Mark verlangt haben.

Und schon war der nur scheinbar günstige Preis für mein neues mit allen Schikanen ausgestattetes City-Bike vom "Radlbauer" auf einmal relativiert. Autos, Waschmaschinen, Kühlschränke und Möbel, die sich doch niemand allzu oft anschafft, sind ja in der Tat preisgünstiger geworden, aber davon kannst du halt nicht abbeißen. Gerade zuvor hatte ich in der Hofpfisterei einen Vollkorn-Wecken für 1,20 Euro erstanden - und eine (zwar große) Williams-Birne vom Marktstand für 1,80...

Samstag, 23. November 2013

Die Post geht ab

Wenn wir vom Mikro-Kosmos unserer Kreuzung ausgehen, ist die Welt der analogen Kommunikation noch in Ordnung. Gegenüber direkt neben der Bäckerei stehen zwei Briefkästen: einer für Empfänger im Bereich der Stadt, der andere für auswärts.

Da es die zweitbeste aller Ehefrauen mit e-mails nicht so hat und daher noch viel "Schneckenpost" mit Sonderbriefmarken verschickt, hätten wir es also sehr bequem, weil wir immer einen stattlichen Vorrat Briefmarken haben. Wohlgemerkt hätten wir. Da es aber der Post AG gefällt, bald schon im Halbjahres-Rhythmus die Kosten für einen Standardbrief nur um Cents zu  erhöhen, kleben wir dann entweder zuviel drauf oder müssen doch zur Post, um Marken für die Ergänzungsbeträge zu kaufen...

Aber wo ist die denn? Gestern musste ich als ausschließlicher e-mail-Schreiber ausnahmsweise etwas zur Bekämpfung der galoppierenden Altersarmut per Einschreiben verschicken. Wie immer wusste die Zweitbeste natürlich bescheid. Wir mussten bei der Kälte das Auto nehmen. vier Blocks und drei Querstraßen entfernt hielt sie vor einem Schreibwaren-Geschäft mit zudekorierten Schaufenstern und nicht einem Hinweis, dass hier Post-Dienste angeboten werden.

"Woher weißt du das?"
"Das wüsstest du, wenn du auch mal zum Tengelmann einkaufen gingst!"
"?"
Tatsächlich ist dieses Schreibwaren-Geschäft innen mit allen Schikanen zum Versenden von Post, Päckchen und Paketen ausgestattet. Und zwischen allerlei buntem Kriegsspielzeug kann einer sogar, das zu Verschickende fotokopieren...

Da der Blogger "post-analog" offenbar noch in der Steinzeit sendet, aber das Gesicht nicht endgültig verlieren möchte, stößt er nur ein fragendes "McPaper?" aus. Schallendes Gelächter.

Wieder daheim vor dem Glashaus trifft er auf den Briefträger. Einen ordentlich in Post-Uniform gekleideten und ein mit großen gelben Taschen bestücktes, gelbes Rad neben sich herschiebend. Man kennt sich schon von diversen Begegnungen und dem Kampf gegen Werbung als Postwurf-Sendung; ein Postler mit türkisch-preußischen Tugenden und immer höflich.
"Von welchem Postamt holen Sie denn eigentlich ihre Post."
"Nix Postamt - Depot!", dann stopft er unverdrossen auch in alle Briefschlitze auf denen "Keine Werbung bitte!" steht, einen gefühlten Doppelzentner buntester Post zwischen diverse Gratis-Stadtteil-Zeitungen.
Letzere sind daran schuld, dass ich das Zeug nicht einfach unbesehen in dem im Eingang stehenden Container entsorgen kann. Weil nämlich  die Zweitbeste auf deren Lektüre scharf ist. Ich weiß zwar nicht, wie sie das auch noch konsumiert, weil sie mit dem Finger unter jeder Druckzeile ja für die Abenzeitung allein schon fast einen Tag braucht, aber im Erklären eines Ehe-Krieges ist sie eben noch so schnell wie eh und je.

Ja, und dann erfahre ich aus einer ARD-Panorama-Sendung, dass um das Zustellen von Post und postähnlichen Sendungen ein unglaublicher Mindestlohn-Krieg entbrannt ist. Der soll vor allem von Behörden und Gemeinden entfacht worden sein, die Unternehmen beschäftigen, bei denen die Austräger nicht nur die von ihnen aus zu tragende Post selbst vorsortieren müssen, sondern pro Stück auch nur 8 Cent Lohn bekommen. Das ist so wenig, dass die Austräger zusätzlich HartzIV beantragen müsssen. Was darauf hinausläuft, dass wir Steuerzahler diese Schurken-Unternehmen quasi auch noch subventionieren.

Gestern lief dann auch noch mit prophetischem Instinkt im Free-TV - wie das im Neu-Deutsch heißt - The Postman mit Kevin Kostner. In dem überlangen Epos mit US-Moral wie sie unsere spionierende Schutzmacht gerne hätte, streift ein Schurke mit der Uniform eines toten Briefträgers auch dessen professionellen  Ethos über und retten so eine post-apokalyptische Rest-Menschheit vor der Tyrannei.

Hoffentlich steckt dereinst  in einer von der Bundespost übrig gebliebenen Uniform noch genug Ethos, wenn es denn bei uns so weit wäre....