Montag, 2. Februar 2026

Zaungäste des Horrors

Meine Ehefrau, meinen Langzeit-Lesern als die Zweitbeste oder die Fürsorglichste bekannt, ist nur drei Monate älter als ich. Aber seit unserer ersten Begegnung vor bald 60 Jahren hilft sie mir durch ihren Pragmatismus, mit meinen Seelen-Blähungen zurecht zu kommen. Ihre charakterlich ähnlich gestrickte Mutter und sie sind wohl die beiden besten Mütter, denen ich in meinem Leben begegnen durfte. Wieso ich das erwähne, erkläre ich weiter unten.

Quelle: ZDF-presseportal
Meine Frau also, hat schon immer erkannt, dass sie nichts ändern kann, obwohl sie das anfänglich als SPD-Mitglied wohl erst schmerzlich lernen musste. Dieser Tage auf der Zielgeraden unserer Lebensläufe sinniert sie, ob es den Leuten früher, als Weltnachrichten noch Jahre, Monate oder zumindest noch Wochen unterwegs waren, nicht besser gegangen sei. Schon länger benützt sie mich beim Frühstück als eine Art Nachrichten-Filter, weil sie weiß, dass ich jeden Morgen eine ausführliche Presseschau hinter mich bringe. Aber ich vergesse ja auch schon manches oder mildere es ab. Um so größer ist ihr Entsetzen, wenn sie dann abends in den TV-Nachrichten die volle Breitseite des weltweiten Horrors abbekommt.

Noch immer ist unser Leben vielleicht das beste, was beider Familien-Stränge Generation um Generation nie widerfahren ist. 77 Jahre ohne Krieg, ohne Katastrophen im lässlichen Wohlstand bei fast vollkommener Meinungs- und Reisefreiheit. Wir haben unseren beiden Kindern einen guten Start ins Leben ermöglichen können, aber jetzt müssen wir uns hilflos Sorgen um unseren einzigen Enkel machen. Wie wird er später auf diese Zeit, die sich in den vergangenen vier Jahren so dramatisch verändert hat - wenn überhaupt - zurück blicken können?

Quelle: Vatican News

Quelle: Kindernothilfe
Es ist ja nicht nur Trump. Da sind die Bilder von Ukrainern und Palästinensern, die bei Kälte, Schnee und Regen zwischen den Ruinen ihrer Heimat unter andauernden Bombardement in Zelten und Not-Unterkünften ausharren müssen. Da sind die unheimlichen Menschen-Schlächtereien in Somalia, im Iran und Syrien. Von den weltweit immer vernichtender werdenden Bränden und Erdbeben ganz zu schweigen. Wie bewältigen all die Mütter diese Unbill mit ihren Kindern? Wie werden kommende Generationen durch deren Traumata geprägt?

Als der Indonesische Vulkan Krakatau im August 1883 regelrecht explodierte, hatte sich der Himmel im Westen schon verdunkelt, ehe die Nachricht von der Eruption dort ankam und einige Jahre Klima-Veränderung samt Ernte-Ausfällen zeitigte. Jetzt treffen uns die Katastrophen im Stundentakt und werden in sogenannten "Brennpunkten" auch noch breit ausgewalzt.

Quelle: Spiegel

Mich beschäftigt seit dem Tod meiner Eltern die Frage, wieviel Horror Menschen überleben können, um dennoch wohl gestimmt in den Lebensabend zu schauen? Beide weissagten mir, dass wir es wesentliche schlechter haben würden, als sie, die ja Kriege und Elend überwinden mussten. Aber dürfen wir angesichts des weltweiten Elends überhaupt jammern? Wir sind, der Fügung sei Dank,  immer noch via TV und Internet nur Zaungäste deszunehmenden Entsetzens. Aber was, wenn wir jetzt alle einem Fatalismus verfallen, der es  Erzeugern schlechter Nachrichten nur noch leichter macht, unseren Planeten zu zerstören?

Quelle: Deutschlandfunk
Meine Leser fragen sich vielleicht, wieso ich wohl oben  nicht auch meine eigene Mutter erwähnt habe, obwohl sie mich gegenüber meinen Schwestern sogar bevorzugt hat. Im Rückblick sehe ich sie wie in der Rolle "Mutter Courage und ihre Kinder", die Bertold Brechts zweite Ehefrau, Helene Weigel, so einmalig als Darstellerin auf die "Schaubühne" brachte.

1949 der Autor
auf dem Schoß
seiner Mutter
Meine Mutter war furchtlos aber bei aller körperlich wuchtigen Präsenz auch nahe am Wasser gebaut. Sie war Krisen-Managerin und Geldbeschafferin und es konnte passieren, dass sie einen mit ihrem Universal-Wissen gepaart mir Urängsten seelisch einfach unterpflügte.

Und wieso beschäftigt mich all das heute?
Heute vor 200 Jahren erblickte die spätere Franziska Nietzsche, die Mutter meines textlichen Leitsterns, Friedrich Nietzsche das Licht der Welt. Was an ihrer Erziehung mag wohl unseren Allzeit-Philosophen auf die literarische Umlaufbahn geschoben haben? Sie, zerstritten mit ihm, pflegte ihn dann daheim, als ihn die Paralyse ereilte. Mütter, Menschen und Mächte: Ich hätte gerne mehr über sie gewusst. https://de.wikipedia.org/wiki/Franziska_Nietzsche