Dienstag, 10. Oktober 2017

Ungeduld

Ist die Ungeduld eine Untugend, die mit dem Alter schwindet? Pustekuchen!
Man lernt nur, sie besser zu beherrschen. Und hinzu kommt die Erinnerung an all die Momente im Leben, in denen man aus Ungeduld schwere Fehler begangen oder gar sein Leben riskiert hat...

Aber tatsächlich wächst die Ungeduld, je näher das unvermeidliche Ende naht.

Am vergangenen Sonntag fand der München-Marathon statt. Wir waren bei der Tochter zum Frühstück eingeladen und sind mit Vorbedacht um die Innenstadt herum über den Ring angereist. Keine Probleme.

Auf der Rückfahrt warnte ich meine Frau, dass unser Weg nach Hause immer noch versperrt sein würde, und das Olympia-Gelände infolgedessen wieder weit umfahren werden müsse. Aber sie folgte stur irgendeinem Navi in ihren Gehirn und überhörte auch weiter Hinweise auf noch mögliche Ausweichmöglichkeiten. Je näher sie uns auf das unvermeidliche Chaos zusteuerte, desto wilder fuhr sie. Sie, die sonst die Vorsicht in Person ist, verhielt sich wie früher, als wir noch nicht all die Zeit hatten, die uns nun zur Verfügung steht.

"Was bist du denn so ungeduldig?"
"Ich mag einfach keine Zeit mehr verplempern", antwortete sie.

Letztlich brauchten wir eine Stunde entgegen der sonstigen Fahrzeit von 20 Minuten. Vor lauter Ungeduld machte sie mich verantwortlich, weil sie in ihrer eigenen Stadt komplett die Orientierung verloren hatte. Ich wisse doch schon seit unserer ersten gemeinsamen Reise, dass sie sich beim Fahren immer auf mich verlasse.

Das war 50 Jahre her: Nach einer Woche ohne Nachrichten im den Pyrenäen hatte ich eine deutsche Zeitung ergattert und begann zu lesen, nachdem ich ihr gesagt hatte, sie bräuchte nur den Schildern Richtung Bordeaux zu folgen. Als ich mit dem Wichtigsten durch war, schaute ich auf ein Schild, das nur noch wenige Kilometer bis Aix en Provence anzeigte...

Mea culpa, mea maxima culpa. Ich hätte es wissen müssen: Wie bei mir ist ihre Ungeduld nur durch die dünne Staubschicht des Verdrängens getarnt.

An unserer Kreuzung werden ständig Zögerliche vor der Ampel an gehupt, während Fußgänger sich bei Rot todesmutig über die Straßen stürzen, weil die Phasen für sie entnervend lang sind.

Mir fällt dabei öfter ein lesenswerter Roman von Stefan Zweig ein. Ein einmaliges Zeitbild aus dem Jahre 1939: Die Ungeduld des Herzens.

Drei Jahre später beging er, der jüdische Romancier, in seinem brasilianischen Exil, Rio de Janeiro, Selbstmord. Er hatte in seinem Paradies angelangt, nicht mehr die Geduld, auf das Ende seiner Weissagungen zu warten...

Samstag, 7. Oktober 2017

Kaspar Hauser 2017

Die Geschichte des Kaspar Hauser gehört zu den mystischen Mirakeln der deutschen Vergangenheit;
rätselhaft das Auftauchen des Mannes, und nicht aufgeklärt der Mord an ihm.

Kann so etwas in unseren Tagen vielleicht auch noch passieren?

Von unserem Frühstücks-Erker über der Kreuzung entgeht uns nichts, aber als ich meiner Frau, die die andere Richtung im Blick hat, dieser Tage schilderte dass vor unserem Metzger gegenüber ein nackter Mann mit einem Zettel in der Hand herum wedelte, hielt sie das für eine Reaktion auf irgendeines meiner Medikamente. Denn in dem Moment, in dem sie sich umdrehte, war er in der Metzgerei verschwunden.

Der Metzgermeister verließ seinen Laden eilig, um wohl ein Tuch aus der Vorratskammer zu holen. Dann sah auch meine Frau, wie der Nackte innen vor dem Schaufenster aufgeregt herumfuchtelte. Kurze Zeit später kam er mit dem um die Lenden geschlungenen Tuch wieder auf die Straße zurück. Überquerte sie zum gegenüberliegenden Appartementhaus und verschwand aus unserem Blickfeld. Später dann auch aus unserem Gedächtnis.

Bis meine Frau Tage später den Metzger fragte, was es denn mit dem nackten Mann auf sich gehabt hätte...
Heraus kam eine Art Kaspar-Hauser-Geschichte.

Der Nackte hätte sich - kaum zu verstehen - nicht erinnern können, wie er in diese Situation geraten sei. Aber er war aus dem Haus gegenüber gekommen und dahin zurück gegangen. Eine Zeit lang stand er davor, dann hätten ihn alle aus dem Blick verloren...

Ein offenes Ende ist immer herrlich für Spekulationen. Ich fange mal damit an:

Ein Verbrechen lag wohl nicht vor, sonst hätten wir von Ermittlungen irgendetwas mitbekommen.
Unterlassene Hilfeleistung ist auch niemandem vorzuwerfen. Ich denke die Lösung ist trivial, denn es war ja Oktoberfest. Gegenüber wohnen viele Singles beiderlei Geschlecht. Der Nackte war vielleicht derart hacke voll gewesen, dass er seiner Wies'n-Eroberung nicht mehr recht zu Diensten gewesen sein konnte. Die - auch nicht ganz nüchtern - hat ihn dann so, wie er war, kurzerhand vor die Tür geschubst...

Kein Anzeichen also für eine Kaspar-Hauser-Legende 2017

Donnerstag, 5. Oktober 2017

Potenziell tödlich

Mit schätzungsweise rund 22 Millionen Schusswaffen, von denen rund 2,5 auf legalen Wegen registriert sind, scheint Deutschland relativ sicher. Zumal der Tod infolge einer Schussverletzung statistisch bei uns im Promille-Bereich liegt. Verändert der Misstrauische jedoch die Betrachtungsweise, kann  er dem Verdacht nicht entgehen, dass jeder vierte Deutsche im Besitz einer illegalen Schusswaffe ist. Der vergangene Tatort der ARD machte zudem die Rolle des sogenannten Dark-Nets beim illegalen Waffen-Erwerb - sogar von Kriegswaffen - deutlich.

Beim Verkauf letzterer erfüllt die Bundesregierung nicht unbedingt eine Vorbildfunktion. Im Eiertanz ermöglicht sie Exporte, die gegen die eigenen Regeln verstoßen. Das macht den "kleineren Waffenhandel" bei den Tätern wohl eher zu einem Kavaliersdelikt.
Vom deutschen Zoll beschlagnahmte Waffenlieferung

Obwohl Deutschland noch weit von US-amerikanischen Verhältnissen entfernt ist, darf die Animation von Nachahmungs-Tätern durch die weltweite Berichterstattung über sie nicht unterschätzt werden. Bei uns hat es ja auch schon Schul-Attacken nach dem Vorbild von Columbine gegeben...

Wieso ist es so schwer, die potenzielle Tödlichkeit von Schusswaffen bewusst zu machen? Größer als der Einfluss der einschlägigen Industrie, scheint der tägliche Konsum von elektronischen Serienmorden (im TV oder Computer), und vor allem die Macht heischende Faszination, die von einer echten Waffe in der Hand ausgeht. Das Recht auf Selbstverteidigung wird durch dieses Gefühl nicht selten konterkariert. Merkwürdiger Weise gibt es gar keine Statistiken darüber, wie oft eine Waffe in privater Hand ein Verbrechen verhindert hätte. Geworben wird damit allerdings von den Herstellern als sei das Alltag...

Immer häufiger wird aber der Missbrauch durch Durchgeknallte, Terroristen und an dritter Stelle schon durch Ordnungskräfte. Las Vegas und die Folgen wird die USA nicht sicherer machen; auch die Lieferung russischer Waffen an den Despoten Erdogan!

Ob die Erziehung der Folge-Generationen etwas bewirkt, ist genauso fraglich.

"Früher begann der Tag mit einer Schusswunde" lautete der Titel von Wolf Wondratscheks Debüt-Roman 1969. Hoffentlich wird der nicht nach einem halben Jahrhundert zum bösen Omen.

Dienstag, 3. Oktober 2017

Homonoia weicht Eris

Als einer, der sich gerne mit der Gläubigkeit anderer beschäftigt, hat mir die griechisch-römische Mythologie immer Spaß gemacht. Im Gegensatz zu Jesus Menschensohn, dem entrückten Heiligen Vater und dem nicht dingfest zu machenden Heiligen Geist, hatten Römer und Griechen stets die für einzelne Sparten zuständigen, durchaus den Menschen ähnelnden, Gebrauchs-Götter, an die man sich speziell wenden konnte.

Dass sich der Monotheismus aber in Gestalt des Christentums oder des Islam  weltweit als beherrschend durchsetzen konnte, ist den von den Herrschern gnadenlos bis in unsere Tage angewandten Machtstrukturen geschuldet. Den Mächtigen diente der Glaube als Manifest für  Macht und Wohlstand, den Armen blieb da nur die Hoffnung auf ein Leben danach. Karl Marx enttarnte die Religion treffend als Opium fürs Volk.

Dass es den Menschlein dennoch immer wieder gelingt, sich vom Joch der Unterdrückung zu befreien, ist bei den häufig herrschenden Konstellationen ein wahres Wunder.

Dass das sogar ohne großes Blutvergießen machbar ist, noch dazu von einem Volk und einer Nation, die ihre Geschichte mit Mord und unendlichem Blutvergießen belastet hat, ist wahrlich einen Gedenktag wert.

Wenn die Deutschen heute den Tag ihrer Wiedervereinigung feiern, dürfen sie nicht länger zulassen, dass deren Errungenschaften auf den Altären von ruchlosen Neben-Göttern geopfert werden.

Griechen und Römer hatten da noch die Wahl zwischen Homonoia (Concordia)  und Eris (Discordia). Weder wahre Christen noch gläubige Moslems, sollten daher zulassen, dass ihr einziger Gott, einer des fehlinterpretierten Vergessens wird.

Freitag, 29. September 2017

Alzheim Hoch!

Es hat nun fast eine Woche gedauert, und ich kann das Wahlergebnis trotz aller Analysen und Trendberichte immer noch nicht verstehen. Zwar hatte ich "die Gnade der späten Geburt", aber die Auswirkungen  der Nazi-Zeit spürte ich familiär und beim Spielen. Meine Mutter war quasi Marketenderin für die Offiziere der Briten im besetzten Hamburg, und mein Vater wurde sofort nach seinem "Persilschein" als Beamter in den Wiederaufbau und die Verwaltung des neuen Bundesvermögens integriert. Schnell sah er dabei zu, wie ehemals stramme Nazis an ihm vorbei in höhere Ränge aufstiegen...

Ich durchstreifte währenddessen mit meinen Spielgefährten aufgelassene, kaum gesicherte Bunker, und wir tobten durch noch nicht beseitigte Trümmer-Ruinen.

Die "Karriere" meines Vaters im Range eines Regierungsdirektors endete gegen Ende der 1960er (!) als Chef der im Aufbau befindlichen Wiedergutmachungsstelle für die Vermögensschäden von Opfern des Rassen- und Fremdenwahns in der "Hauptstadt der Bewegung".

Offenbar ist die Saat von unbelehrbaren Nazis und von STASI Gegängelten besser und nachhaltiger aufgegangen als die der reformierenden Kräfte. Mir scheint es, als litten wichtige Teile der einst freien Welt an kollektivem Alzheimer-Syndrom. Anders ist das Alzheim Hoch faschistoider, rechtsradikaler oder totalitärer Tendenzen doch nicht zu erklären. Und im Sturmschatten dieser
Tendenzen feiern auch Rassismus und Fremdenhass wieder fröhliche Urständ.

Mein Vater starb kurz vor dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung. Als leidenschaftlichem Berliner hätte ihm Berlins Comeback als Bundeshauptstadt gefallen. Ein Leben lang hatten wir politischen Diskurs. Als Humanist und Gutmensch war er davon überzeugt, dass die Fünf-Prozent-Hürde für ein radikales Aufkeimen hoch genug war. Ich hielt ihm die demokratisch gewählte Entwicklungs-Statistik der NSDAP in den Jahren vor der Machtergreifung entgegen (siehe mein Post vom 19. September 2016). Hätte ich doch bloß nicht recht behalten.

Wenn "Jamaika" nicht funktioniert, wird es immer wieder Neuwahlen geben, die die AfD  von mal zu mal stärker machen könnte. Es sei denn Spaltpilz Petry hat mit den "Blauen" Erfolg...

Dienstag, 26. September 2017

Verkleidungen










Wenn unten auf beiden Seiten der Straße bunt verkleidete Menschen Paar- oder Gruppenweise in Richtung Straßen- oder U-Bahn streben, dann ist Oktoberfest. Fast jeder trägt etwas, was er persönlich für "trachtig" hält. Das ist wirklich originell, weil damit der Kaufhaus-Look von der Stage endlich überwunden scheint. Oder doch nicht?

Bei näherem Hinsehen wirkt es dann doch wie aus der Faschings-Kiste zusammen gegrabbelt. Vor allem bei Leuten, die ansonsten ja mit Brauchtum wenig am stylisch kleinen Trachten-Hütchen haben.
Die echten Bayern erkennt man daran, dass sie ganz dezent mit einer neutralen Trachtenjacke vor ihrem Keferloher  in der Stadt sitzen und ihr Wies'n-Bier in entspannter Ruhe von kleineren Fässern gezapft genießen.

Keferloher gibt es auf der Wies'n nur noch in den Promi-Boxen und bei den Fernseh-Sendern, die ihre Abendsendungen so auf billige Weise gestalten. Das Fußvolk, dass bei der Gemütlichkeit unten wegen Überfüllung kaum noch Platz findet, erhält das schlecht Eingeschenkte überschäumend aus bruchsicheren Glas-Maßkrügen...
Zum Glück für die Veranstalter, gibt es kaum noch welche, die die sogenannte "Oide Wies'n" noch erlebt haben, sonst ginge das mit dem Extra-Eintritt für diese Marketing-Idee ja gar nicht. Sie ist genau so ein Fake wie die Oktoberfest-Verkleidung von 90 Prozent der Besucher.

Der Vorreiter ist dabei unter anderem auch der FC Bayern, der seine aus allen Kontinenten zusammen gewürfelte Söldner-Truppe gnadenlos in die vom Sponsor bereit gestellte ,jedes Jahr neu gestaltete Trachten-Mode steckt.

Hört sich das alles an, als sei ich ein Wies'n-Muffel? Bin ich nicht! Ich liebe das Oktoberfest nach wie vor, aber in kleinen Portionen und zu einer Zeit, in der ich mit meinem Enkel ohne beängstigendes Gedrängel um die frühe Mittagszeit an den Fahrgeschäften und Buden vorbei flanieren kann. Wer bin ich, dass ich dem Kleinen, diese Duft-Melange und das bunte Treiben vorenthalten würde? Und schon gar nicht die Enten-Keule, an der er beim Ammer mittags nagt...
Besucher der ersten zehn Oktoberfeste nach 1810 würden bei einer Zeitreise zur heutigen Wies'n auch aus diesem kindlichen Staunen nicht herauskommen. Vielleicht hätten sie ja sogar Spaß daran, dass Bedienungen zum Dirndl heute leuchtende Sportschuhe tragen.

Montag, 25. September 2017

Vom Rausch der Großstadt

Wegfahren ist schwerer als Ankommen. Vor allem dann, wenn die Kinder samt Tante uns mit einer blitzblank geputzten Wohnung und einem vollen Kühlschrank willkommen heißen...
Nach der unheimlichen Stille im Burgfrieden umrauscht uns jetzt wieder der Münchner Alltag. Und, stört uns der Tag und Nacht durch die Häuserschlucht strömende Verkehrsstrom? Keineswegs! Es ist das Kontrastprogramm, dem wir uns verschrieben haben. Das pure Leben mit seinen steten Veränderungen:

Dem gescheiterten Bäcker von Gegenüber ist innerhalb von acht Wochen zunächst eine weiterer Bäcker gefolgt, nun ist es ein Kebab-Laden. Unsere Pizzeria im Haus hat neue kroatische Pächter, und das Riesen-Bauvorhaben hundert Meter weiter ist erwartungsgemäß noch nicht fertig.


Der Garten des Anwesens ist endlich prächtig eingewachsen und liefert uns den Herbst frei Haus. Mit einem Gläschen Bordeaux (!?) und ein paar frischen Schälnüssen lässt sich das bei prächtigem Herbstwetter sehr gut an. Da braucht es erstmal kein Oktoberfest, und wie verheerend dieses Bundestags-Wahlergebnis sich auf eine mögliche neue "Weimarer Republik" auswirken wird, bleibt eben zunächst auch ohne Panik abzuwarten.

Die Themen für die erste Woche im Glashaus sind dadurch quasi vorgegeben. Am Mittwoch geht es um die Oktoberfest-Verkleidungen...

Stay posted!