Freitag, 17. Januar 2020

Erkaufte Sympathien

Koinzidenz von Ereignissen, die heute schleichend zum Standard werden oder reiner Zufall?
Es geht hier und heute um das Erkaufen von Sympathien.

Edgar Selge und Sven-Eric Bechtolf in
"Das Geheimnis der Freiheit"
Foto: das erste.de
Da lief im Ersten diese Woche ein merkwürdig fiktiv wirkendes, allerdings großartig gespieltes "Kammerspiel" über den Industrie-Kapitän Berthold Beitz, der beim Historiker Golo Mann quasi einen Nachruf auf den Krupp-Konzern in Auftrag gab. Wer immer bei der ARD den Segen zur Handlung und zu dem Titel "Das Geheimnis der Freiheit" gab, hat aufgehängt an dessen tapferer Rettung von Juden, während seiner Zeit als Krupp-Manager in Polen einen anderen Beitz gezeigt. Also quasi einen idealisierten Nachruf auf einen Generralbevollmächtigten, dessen tatsächliche Freiheit auf unglaublicher Macht und auch dem Mut bestand, mit den Polit-Teufeln seiner Zeit unternehmerisch ins Bett zu gehen.
Sorgte angeblich für
den Anreiz:
Golo Manns Bestseller
bei Amazon

Als Sachwalter der Krupp-Stiftung war er aber auch am  kurzen Lebensweg des Arndt von Bohlen und Halbach, dem einzigen  Sohn des Krupp-Erben, beteiligt. Der durfte zu jener Zeit in München eben noch nicht bekennend schwul sein  und wurde deshalb mit überbordendem Luxus und einer Schein-Ehe in die Klatschspalten abgeschoben.

Einerseits ein "Cary Grant" des gesellschaftlichen Parketts war der sportlich Ehrgeizige ein ziemlicher Beißer in den Gremien des Internationalen Sports. 26 Jahre war er Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees und dann sogar dessen Vizepräsident (1984 -1988). In Kuratoriums-Sitzungen durfte ich ihn einige Male erleben. Aus meiner Sicht stieß der Schauspieler Sven-Eric Bechtolf, der den TV- Beitz mimte, nicht nur in Hinblick auf dessen preußisch straffe Figürlichkeit, sondern vor allem beim übergangslosen Wechsel von Charme zu Eiseskälte an seine darstellerischen Grenzen. Immerhin wurde Beitz bei dieser Lebensleistung unbeschadet 100 Jahre alt.

Aber zurück zu den Autoren-Leistungen, um Sympathie zu erzeugen. Ob Biographien oder Firmen-Berichte - das sind für freie Autoren nicht seltene, gut bezahlte Pfründe, die man kaum links liegen lassen kann. Ich selbst bekenne mich dazu, in dieser Beziehung einiges verfasst zu haben. Ich war aber nie in der Zwangslage, für höhere Interessen etwas erfinden oder beschönigen zu müssen.

Deshalb musste ich kräftig Schlucken, als ich diese Woche auch die Meldung las, dass der scheidende Chinesische Botschafter Spenden für die Umsetzung eines Konzeptes erbat, dass ihm ein Autor vom Manager-Magazin und ein "Pauschalist" des "SPIEGEL" bei einem gemeinsamen Essen angedient hatten: Gezielte Publikationen, die die Volksrepublik in Deutschland sympathischer erscheinen lassen sollten.

Ausgerechnet die Staatsführung, die nach Nord-Korea, ihren Bürgern, Minderheiten, Opposition und ungenehmen Ethnien selbst am wenigsten Empathie entgegen bringt, will sich bei den Bürgern eines wichtigen Handelspartners Sympathien erkaufen. Gut, nach einem inneren Shitstorm ist das Projekt erstmal vom Eis, aber die Idee lässt die Spitze eines längst drohenden Eisberges erkennen, der uns schon länger bedroht:

Wird man dem wahren
Beitz jemals gerecht?
All die täglichen, angeblich empirischen Bewertungen, die nur anscheinend neutralen Nachrichten und Darstellungen von "Persons of Iterest" formen bei uns Vorstellungen und Bilder, die wir längst nicht mehr richtig einordnen können. Selbst wenn nun Internet-Portale Filter einbauen, um überschwänglich falsche Bewertungen einzudämmen. Im Unterbewusstsein sitzen sie dennoch bereits fest.
Kaum sind wir unterwegs und loggen uns unbewusst in einen WLAN-Hotspot ein, werden wir bereits aufgefordert unsere Meinung oder gar eine Bewertung von jenen Etablissements abzugeben, die wir da besucht haben. Was vielleicht als kleine Anerkennung gedacht war, entpuppt sich in kürzester Zeit als Lesestoff für Tausende...
Es lohnt sich immer,
über Dichtung und
Wahrheit nachzulesen

Mittwoch, 15. Januar 2020

Vom Erlöschen

Hyppolite Fizeau
(1819 - 1896)
maß über den Dächern
von Paris als erster
die Lichtgeschwindigkeit,
indem er eine
Messmethode verfeinerte,
die auf Galilei
zurück zu führen war.
Das von Foucault
korrigierte Ergebnis war
noch um fünf Prozent zu hoch
Quelle: Wikipedia
Seit ich bereits als Junge von meiner Vorstellungskraft beherrscht wurde, machen mir astronomische Dimensionen angst. Ich vermeide es regelrecht, länger über Größenverhältnisse in den Galaxien nachzudenken, seit ich von der ersten Versuchsanordnung zur Messung der Lichtgeschwindigkeit im Physik-Unterricht lernte.
9,46 Billionen Kilometer legt das Licht in einem Jahr unseres julianischen Kalenders zurück Das ist so einschüchternd! Und es wirft gleichzeitig die Frage auf, wieso die Menschheit immer noch so tut, als sei sie tatsächlich die Krönung der Schöpfung. Allenfalls sind wir doch nur ein fehlgeschlagener, mikroskopisch kleiner Modellversuch. Allerdings hat uns unsere Vorstellungskraft und unser Forscherdrang dahin gebracht, dass wir diesen Staubkorn im All durchaus auch noch selbst vernichten können, bevor die Äonen ihn ohnehin erlöschen lassen...

Und nun Betelgeuse - ein sterbender Stern, eine drohende Supernova? Auch ohne meine Sternen-App war das Sternbild Orion nach dem Großen Wagen immer das zweite, das ich mühelos am nächtlichen Himmel ausmachen konnte: Die drei Gürtel-Sterne mit dem ebenfalls strahlkräftigen Rigel (ß  Orionis), der nach neusten Messungen allein schon sechzigmal größer ist als unsere Sonne, und an seiner Schulter eben der Rote Riese Betelgeuse, dessen Größe genau nicht zu messen ist, weil er sie ständig verändert.

Der Krieger Orion
Quelle: Wikipedia
Nun vernichtet dieser mit dem Blick durch die modernen Teleskope nicht nur alle romantischen Vorstellungen, er verliert auch immer schneller seine Strahlkraft. Sein Durchmesser beträgt derzeit das 1000fache unserer Lebens-Spenderin, aber hat "nur" ihre zwanzigfache Masse. Ist also dermaßen aufgebläht, dass Astronomen nicht nur die Super-Nova, sondern nach seiner Explosion auch ein alles verschlingendes schwarzes Loch nie gesehenen Ausmaßes prognostizieren. Da Betelgeuse nur 650 Lichtjahre von uns entfernt ist, wird das wohl die erdnahste sein.

Selbst wenn die Super-Nova sichtbar unmittelbar erfolgen sollte - also quasi schon Geschichte gewesen wäre, wenn wir sie so zeitnah sähen, beeinflussten zunächst höchstens Partikel oder Elementar-Teilchen unsere ohnehin schon verseuchte Atmosphäre. Aber die Astronomen sind sich weder über deren Auswirkungen sicher noch über den Zeitpunkt, wann Betelgeuse wirklich stirbt. Das kann gut auch noch Tausende von Jahren dauern. Visionen in anderen Dimensionen...
Quelle: planetarium-hanburg.de

Montag, 13. Januar 2020

Wenn wieder die Massen wild wogen

Unterwegs in einer unsicheren Welt:
Der Autor und sein Vater 1960
im Basar von Täbris
In der ersten Klasse am Gymnasium hatte ich eine persische Mitschülerin. Sie hieß Gholi Aghsa, und ich konnte bei ihr gut landen, da ich in den großen Ferien zuvor im Iran war. Aus welchen Gründen auch immer meine Eltern in den unruhigen 1960ern den abenteuerlichen Überland-Trip durch all die auch damals schon als nicht sicher geltenden Staaten mit einer meiner Schwestern und mir angetreten hatten, darauf gibt mir auch mein heutiges Wissen keinen Hinweis. Damals genoss ich all die Eindrücke und einzigartigen Erlebnisse, die mich später wohl zum unermüdlichen Traveler machten,,,

Unter merkwürdigen Umständen war in Täbris Endstation, obwohl Teheran das Ziel gewesen war. Der Stadtkommandant und Hitler-Fan, der unsere Pässe für 48 Stunden einbehalten hatte, nötigte unmissverständlich zur sofortigen Rückreise in die Türkei. Was wir heute wissen, aber damals wegen der löchrigen Nachrichtenlage meine Eltern nicht ahnen konnten: Wir waren mitten in einen demokratischen Umsturz-Versuch geraten.
Der amtierende Ministerpräsident und mit dem Schah verschwägerte Manutscher Eghbal konnte sich dem Erfolg der neuen Oppositions-Parteien nur durch massiven Wahlbetrug und dem Machtwort des Reza Pahlavai erwehren.

Das schöne Emblem
des schrecklichen SAVAK
Quellen: Wikipedia
In der Folge wütete der SAVAK, der drei Jahre zuvor gegründete Geheimdienst des Schahs, unter den Andersdenkenden, wie heute die Revolutionsgarden der Ayatollahs.
Gholis Vater, der - glaube ich mich zu erinnern - ein Medizin-Professor war, musste etwas geahnt haben. Denn er hatte Jahre vor der Flucht ins Exil seine Tochter an der Deutschen Schule in Teheran eingeschrieben. So sprach sie in unserer Klasse schon gut Deutsch und viel besser Englisch als wir, aber sie war auch schon geistig und körperlich weiter. Sie versprach eine Schönheit aus "Tausend und eine Nacht" zu werden...

Aber nach meinem Krankenhaus-Aufenthalt wegen einer Blinddarm-Operation im Spätherbst war sie schon nicht mehr da.
Das erzählte ich daheim beim Abendessen. Die Reaktion meines in den "Diensten" verwobenen Vaters war schmallippig. Sie wurde noch schmallippiger, als bei Anti-Schah-Demonstrationen in Berlin 1967 der Student Benno Ohnesorg von dem Polizisten Karl Heinz Kurras durch einen Pistolen-Schuss aus nächster Nähe in den Hinterkopf ermordet wurde. Kurras stand zu diesem Zeitpunkt als IM auch auf der Gehaltsliste der Stasi...
Quelle: deutschlandfunkkultur.de

Mein Vater hatte es schon als gehobener Bundes-Beamter  mit mir, dem Kriegsdienst-Verweigerer, nicht leicht. Nun drohte sein Sohn, sich offenbar zu radikalisieren. Denn dem Hausfriedensbruch vor dem US-Konsulat bei einer Vietnam-Demo wurde nur wegen der guten, nachbarschaftlichen Beziehungen bei unserer Wohnadresse nicht nachgegangen. Sie stand allerdings noch zur Diskussion, als ich sechs Jahre später meine "politischen Aktivitäten" längst als völlig wirkungslos aufgegeben hatte und ein Presse-Visum für die Vereinigten Staaten brauchte. Denn da standen tatsächlich alle Demos in den Akten, an denen ich in meiner ernüchternden "Gewerkschafts-Zeit" teilgenommen hatte.

Ich kannte mich - um die lange Einleitung zu erklären - eben auch persönlich mit den wild wogenden Massen aus. Ein Grund, weshalb ich mit der Sport-Schreiberei aus dem Stadion heraus nie recht warm wurde und bis heute Ansammlungen und Menschenmengen konsequent meide. Denn, es bedarf noch nicht einmal eines geschulten Agent provocateurs, um die Gruppendynamik in verhängnisvolle Richtungen zu lenken.

Noch leichter wurde das Manipulieren der Massen durch die sozialen Medien. Da entstehen Kräfteverhältnisse, die einem Außenstehenden Reaktionen absurd erscheinen lassen:

Noch vor drei Tagen schien es , als sei der gesamte Iran wegen des US-Attentats auf seinen General auf der Straße. Menschen ließen sogar ihr Leben, weil dabei Massenpanik ausbrach. Dann schoss die Raketen-Abwehr des Landes ein Verkehrsflugzeug ab, und die Regierung leugnete das zunächst hartnäckig. Schon waren die zuvor in den Hintergrund getretenen Massenproteste gegen die Ayatollah-Regierung wieder aktiv. Da gab es dann Tote, weil die Revolutionsgarden in SAVAK-Schwarz auf die unterdrückten Bürger einprügelten.

Jüngster "Schildbürger-Streich" der Mullahs. Gezielter Shitstorm gegen die Chef-Schiedsrichterin der Frauen-Schach-WM in Shanghai: Shohreh Bayat habe unterm Kopftuch zuviel Haar gezeigt. Darauf nahm sie am vierten Turniertag das Kopftuch gänzlich ab. Sie wird wohl nicht in ihre Heimat zurück kehren können...

Da der Iran offenbar mit rechtsstaatlichen Mitteln gar nicht zur Ruhe kommen kann, muss die Internationale Staaten-Gemeinschaft unerbittlich - notfalls auch ohne Trump und seine gespaltenen USA - darauf drängen, dass das Atom-Abkommen nicht nur erhalten, sondern auch ohne Gewalt-Androhung nachgebessert werden kann. Das setzt aber voraus, dass die Supermächte ihr angedrohtes, alles vernichtendes Wettrüsten wieder einstellen!

Freitag, 10. Januar 2020

Das Leben - ein Geschenk?

In fast allen Welt-Religionen wird den Gläubigen oktroyiert, dass sie für das Leben, das ihnen die höhere Macht geschenkt hat, dankbar zu sein haben. Stehen ihnen aber Verstand und die nötigen Quellen zur Verfügung, geraten sie angesichts der vielen Menschen, die von Geburt an unter katastrophalen Verhältnissen leben müssen ins Grübeln: Wenn das bei den Hungernden, Dürstenden und Fliehenden der Erde auch Gottheiten sind, die für diese Zustände verantwortlich sind, was ist dann das Geschenk des Lebens wert? Verblüffender Weise sind die Ärmsten der Armen oft am gläubigsten, und sie schätzen das Leben derart, dass sie zur Verbesserung ihrer Verhältnisse - oder sollte es nicht heißen zum Überleben - mit ihren oft noch kleinen und deshalb ja unschuldigen Kindern Heimat und Kulturkreis auf lebensgefährlichen Fluchtwegen verlassen...

Wir satten, mit viel Überflüssigem lebenden Friedens-Menschen des Westens können uns oft das Ausmaß der Armut nur dann vorstellen, wenn wir durch Dokumentationen mit dem Gewissen drauf gestoßen werden. Aber im Handumdrehen beschäftigt uns danach doch eher, wie wir selbst am besten mit dem Geschenk des Lebens umgehen. Denn auch in sicherer Existenz zweifeln wir ja bei den kleinsten Problemen, ob unser Dasein ein Segen ist.

Wieder einmal sind solche Erörterungen eine Frage des Standpunktes, und von ihm kommt es  dann auf die Perspektive an.
Ich erinnere mich wie eingebrannt an eine Diskussion, die ich vor einigen Jahren mit meiner Tochter und meinem Sohn über das Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern als kleinstes soziales Gefüge hatte. Beide - philosophisch vorgeprägt - bezweifelten meine Thesen mit einem unwiderlegbaren Argument. Sie seien ja weder gefragt worden, noch für die Geburt in jedweden Verhältnissen verantwortlich gewesen. Deshalb könne aus ihrer bloßen Existenz de jure nicht automatisch von den Eltern ein Anspruch an die Entwicklung ihres Lebensweges gestellt werden...

Manche Kinder hätten vielleicht davon geträumt als Prinzessin oder Prinz im Reichtum einer Dynastie aufzuwachsen. Nun wissen wir - nicht erst seit ein paar Tagen - dass Meghan und ihr Harry mit den Royals "fertig haben". Wer Augen hatte zu sehen und Ohren zu hören, hätte angesichts der aufschlussreichen Dokumentation von der Südafrika-Reise des gar nicht mehr so jungen Eltern-Paares erkennen könne, dass da das royale "Gottes-Geschenk" massiv nicht nur bezweifelt wurde.

Jetzt haben Harry, dessen Mutter nach ihrer Scheinehe vom gnadenlosen britischen Boulevard in den Tod gehetzt wurde und Meghan, die auf dem Weg zum Weltstar die schwierigen Familien-Verhältnisse hinter sich ließ sowie die Karriere aus Liebe aufgab, einen Schluss-Strich unter ihr Dasein als Royals gezogen. So what?

Da erdreistet sich dann aber tatsächlich ein "königstreuer Korrespondent" der ARD, dem Paar in einem Kommentar vorzuwerfen, es habe das Königshaus beschädigt. - Der hätte mal mit meinen Kindern diskutieren sollen.
Umgekehrt wird nämlich ein Schuh draus. In der preisgekrönten Streaming-Serie Crown wird historisch präzise dargelegt, dass das Königshaus gnadenlos Menschen einem verharzten, steifen Protokoll opfert. Es wird Zeit, dass es sich selber abschafft. Aber der Brexit-Boris wird das dann schon in der nun bald geltenden "splendit isolation" verhindern...


Das Buch der Weisheit finden,
aber nicht darin lesen können...
Können-Serie, Acryl auf Karton
Claus Deutelmoser

Mittwoch, 8. Januar 2020

Bröckelnder Widerstand

Wenn es sowieso so ist, wie es heute halt ist,  wieso versage ich mir dann weiterhin die Dinge, die  ich gar nicht mehr ändern kann?
Sind solche Gedanken etwa bereits der Alters-Milde geschuldet oder kündigt sich da schon Resignation durch Ohnmacht an?

Zwischen den Jahren bin ich nämlich rückfällig geworden.
Seit 2008 als bei den Olympischen Spielen sogar Pferde gedopt wurden, schaute ich nämlich keine Sport-Übertragungen mehr. Ich war als Mitfiebernder TV-Zuseher derart gefrustet von dem permanenten Betrug durch die Darreichung verbotener Substanzen, dass ich entschied: Schluss mit TV-Sport!

Ausgerechnet ich, der vier Jahrzehnte von und für den Sport gelebt und mich dabei von Anfang an auch mit dem Thema Doping textlich auseinander zu setzten hatte! Da begann ich wirklich erst darüber nach zu grübeln, ob wir Zuseher durch unsere teils patriotische Rekord-Gier nicht selbst die Spritze bei den mittlerweile ja auch noch mehr professionalisierten Sportlern ansetzen?

Was für eine lange Zeit zwölf Jahre Verzicht auf Sport-Übertragungen im Fernsehen sind, wurde mir zwischen den Jahren beim Streamen am Computer bewusst, als ich eher zufällig bei der Vierschanzen-Tournee der Skispringer hängen blieb. Abgesehen davon, dass das Regelwerk nun zügigere Wettkämpfe bei unterschiedlichen Windverhältnissen zulässt, sind ja auch die Einblendungen, Umschnitte  und Zeitlupen so analytisch abrufbar, dass man das Gefühl hat "Big Brother" überwachte den Sportler.

Weil das übrige Programm zwischen den Jahren mies und ich wirklich fasziniert war, klickte ich noch gleichzeitig Streams von anderen Wintersport-Arten an. Alles in einer dramaturgischen Perfektion, dass ich mich fragte, wieso überhaupt noch Schlachtenbummler zu solchen Events gehen? Dass die mittlerweile in den Stadien und mitunter auch unterwegs an der Strecke auf großen Video-Wänden das Geschehen live verfolgen können, war mir ja auch entgangen.

Wenn alles so perfekt ist, wird natürlich auch die Leistung des Sportlers an solcher Perfektion gemessen. Fast könnt man meinen, dass es dann ungerecht wäre, zu mäkeln, dass eine norwegische Langläuferin, die kürzlich eine Doping-Sperre hinter sich hatte, das schwerste Rennen des Jahres gewann, und bei den Herren Russen das Geschehen bestimmten, die wegen nationalen Breitband-Doping-Betruges aktuell unter Olympischen Bann stehen...

Ich war mein Berufsleben lang gegen die Freigabe des Dopings - wegen der Chancen-Gleichheit. Denn die Regel gilt immer noch: Je reicher eine Sport-Nation desto raffinierter ist sie bei der Entwicklung schwer nachweisbarer Substanzen. Keiner kann doch wollen, dass möglicherweise der Tod letztlich die Spiele abpfeift!
Abpfiff; Collage 2019
Claus Deutelmoser

Montag, 6. Januar 2020

Anti-Terror-Kampf als Vorwand für Staatsterrorismus

Wer gegen den Terror seine Rechtsstaatlichkeit aufgibt, hat bereits verloren.
Den Grundsatz dieses bereits vor Jahrzehnten formulierten Prinzips haben die populistischen Führer von heute längst aus den Augen verloren. Um die Welt angeblich zu schützen, reiten sie uns rücksichtslos immer weiter in die Gefahr eines dritten Weltkrieges hinein, der - da sind sich die meisten Intelligenten einig - direkt in den Untergang führte: Armageddon, Ragnarök  oder Yaum al-qiyämä - es träfe alle Ethnien.

Dass meine pessimistische Aussicht auf das kommende Jahrzehnt bereits wenige Tage nach meinem ersten Post in diesem Jahr in punkto Horror noch weit übertroffen wurde, lähmt mich beim Schreiben. Wenn viel Schlauere um den heißen Brei reden, wieso sollte ich dann meinen wenigen Lesern den Dreikönigstag versauen, den Dreikönigstag, der ja schon seit jeher bei uns parteipolitisch missbraucht wird.

Jetzt ist aber diese Generation aufgerufen, Statements abzugeben, wenn sie von den nächsten (wenn es sie denn gäbe) nicht wieder gefragt werden will, wieso das alles nicht zu verhindern war.

Hier also meine Einschätzung am 6. Januar 2020:

Wir vom Fußvolk haben zum jetzigen Zeitpunkt keine Chance mehr, weil sich selbst den von uns Gewählten keine andere mehr bietet. Hinter ihnen stehen Mächte, die einfach kein Interesse am Frieden haben; siehe trotz diverser Embargos die aktuellen Export-Zahlen unserer Waffen-Industrie .

Die NATO ist nicht nur hirntot - wie Macron meint. Sie ist zu einer tödlichen Farce geworden. Vor allem, wenn wir heute in das von Krisen gebeutelte Libyen schauen, wo erste Truppen des NATO-Mitglieds Türkei einmarschieren. Da werden sie bald mit Frankreich, Italien und Deutschland konfrontiert, die ihre Interessen an dem an Rohstoff reichen und doch so armen Land in anderen Allianzen schützen wollen oder müssen.

Für Erdogan jedoch ist bereits jeder, der anders denkt als er ein Terrorist. Zwar glaubt meine türkische Freundin Aisa, dass die Türkei in den großen Städten durch die dort an Boden gewinnende Opposition noch eine Chance habe, aber das ist Zweckoptimismus. Der janusköpfige Osmane hat sich durch Waffenkäufe längst so fest in die Umarmung des russischen Bären begeben, dass der den Spaltpilz der Nato gewiss nicht  mehr so leichtfertig strategisch freigeben wird. Ausgerechnet die Russen, die gerade mit einer nicht zu stoppenden Hyperschall-Rakete ihre Ur-Feind USA wieder massiv bedrohen! Was viele auf der Welt angesichts der Trump-Administration, die das Atom-Abkommen aufgegeben hatte, vielleicht sogar mit klammheimlicher  aber fälschlicher Freude sehen.

Es wäre aber falsch, alle Schuld dem in sich selbst und seine Macht verliebten, kupferblonden  Rache-Engel in die Golf-Schuhe zu schieben. Dass der Hexen-Kessel Naher Osten mitsamt großen Teilen Arabiens durch keinen Deckel mehr am Überkochen zu hindern ist, haben seine Vorgänger - gleichgültig welcher Partei zugehörend - schon nach dem Zweiten Weltkrieg verbeutelt.

Weil der abgestammte Kultur-Kreis Europa zuvor so leicht durch Waffengewalt zu befrieden war, dachten die Amis als selbst ernannte Welt-Schutz-Polizei, sie könne im Rest der Welt ebenso fuhrwerken, wenn es um Öl und Rohstoffe geht. Deshalb kassieren sie im Osten Niederlage um Niederlage und stellten unter Beweis, dass sie eben bis heute kein verlässlicher Bündnispartner sind. Syrer, Kurden, Iraker und selbst die Israelis werden das - wenn es einmal Spitz auf Knopf steht - mit tödlicher Sicherheit zu spüren bekommen.

Wenn Trump dem Iran heute droht, gemäß der einst 444 Tage in Teheran festgehaltenen Geiseln 52 Ziele in Persien anzugreifen, dann übersieht er eben, dass die USA die Gewaltherrschaft des Schahs viel zu lange gestützt und zum Hohn anschließend den Ayatollah Khomeini unter Triumph aus dem Exil zurück geholt haben.
Wut-Acryl
Claus Deutelmoser 2019
Und wenn er heute auch dem Irak wieder droht, hat er wohl vergessen, dass die Bush-Präsidenten mal den Saddam Hussein für eigene Öl-Interessen kriegerisch unterstützt haben, um ihn ein paar Jahre später in einer "Misson Accomplished" zu vernichten. Der Wirrwarr im Irak, der Terror des IS und der Widerstand der muslimischen Welt sind allein das Ergebnis einer verfehlten US-Außenpolitik, die Trump noch nicht zu verantworten hatte, aber durch sein jetziges Verhalten sanktioniert...

Man stelle sich nur einmal folgendes vor:
Eine Macht, die die Technologie hätte, würde bei einem isolierten Drohnen-Angriff POTUS und seinen Vasallen Pompeo mit der Begründung und nicht zu belegenden Behauptung töten, anders sei der dritte Weltkrieg nicht zu verhindern gewesen. Käme uns dummem Fußvolk und Kanonen-Futter in spe dann eine solche Argumentation wirklich nicht bekannt vor???

Ja mei! Der Rechtsstaat halt!

Donnerstag, 2. Januar 2020

Ansprachen

Etwas was ich meinen Eltern zu allerletzt nachmachen wollte, packt mich angesichts des soeben begonnenen, neuen Jahrzehnts mit voller Wucht:
Das Schwarzsehen am Ende des "erleuchteten Pfades".

Mein Vater. - Überlebender zweier Weltkriege und Opfer seiner oft zu unerschütterlichen  Geradlinigkeit - meinte kurz vor seinem Tod im vollen Bewusstsein, dass er die ganze Welt noch gesehen habe, wie sie nie mehr sein würde: "Es wird wohl keine Wiedervereinigung geben."
Meine Mutter - Marketenderin der Familie und mit lebensrettendem Pragmatismus gesegnet - war angesichts der Einführung des Euros und dem Schrecken von "Nine-Eleven", fest davon überzeugt, dass das, was uns die Auflösung der Blöcke nur kurz an Frieden versprach, im Chaos enden würde: "Ich bin froh, dass ich so alt bin, dass ich das nicht mehr mit erleben muss."

Da zweifelte vor 35 beziehungsweise 15 Jahren das "Friedenskind" noch an der Weitsicht des Alters. Hatte die Geschichte nicht bewiesen, dass immer alles gut wird?
Nun, nach sieben Jahrzehnten meines Lebens in Frieden packt mich der selbe Zweifel wie meine Eltern einst. Obwohl sich ja die Mechanismen der Macht und der immer noch zu starke Einfluss der Religionen kaum, aber dafür eben der Missbrauch unserer Natur weltweit umso heftiger verändert.

Und was sich noch dramatisch verändert hat, ist bei der gewaltigen kaum noch zu bewältigenden  Zunahme des Bildungsstandes die virale Vervielfältigung der Dummheit, die sich als Meinungsvielfalt tarnt.

Ich kann mich dennoch nicht am "Internet-Bashing" beteiligen, weil ich überzeugt bin, dass bei genügend Selbstschutz eben die "Vernetzung des Guten" unsere einzige Rettung sein könnte.

Die einst schweigende Mehrheit kann nämlich spielend per Instagram, Facebook und Twitter einen mit Mehrheiten regierenden Populismus an die Macht bringen, der wiederum in Nazi-Herrschaft gipfeln könnte. Diese zerreist das World Wide Web dann einfach. Was ja gerade in Russland und China durch Isolation angestrebt wird...

Demokratien, wie wir sie in den vergangenen sieben Jahrzehnten wählen durften, dürften nach dem nun folgenden Jahrzehnt einer romantischen Vergangenheit zu gerechnet werden. Vor allem wenn sie perspektivisch so rosig dargestellt werden, wie unsere Volksvertreter das in ihren Weihnachts- und Neujahrs-Ansprachen getan haben.
Sehen die uns wirklich so naiv und schutzbedürftig, dass sie die sich vor uns auftürmende Bedrohungen einfach aus ihren Predigten ausklammern?

Wer, wenn nicht unsere scheidende Dauerkanzlerin hätte die Gelegenheit mal wahrnehmen und tacheles reden können. Wenn sie schon nicht bei den Gefährdern des Weltfriedens Ross und Reiter nennen mochte, dann hätte sie wenigstens auf die künftigen Brennpunkte nachhaltiger hinweisen müssen.

Apropos "tacheles" kommt ja aus dem Jiddischen: Bin ich bereits ein Antisemit, wenn ich meiner Furcht hier Ausdruck verleihe, dass der Israelische Noch-Ministerpräsident Netanyahu bei durch die Knesset gewährter Immunität und unangefochtener Wiederwahl, das "gelobte Land" in den Faschismus führt...?